16.09.2010 Vortrag Merker


Die Geschichte der Anatomie in Berlin

Vortrag gehalten vor der Gesellschaft für Natur – und  Heilkunde am 16.9.2009

von

Prof. (em) Dr. H.-J. Merker

o. Prof. für Anatomie an der FU Berlin

Mit Assistenz von  B.Sc. Sebastian  Merker

 

          Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Anatomie in Berlin wird bald der große Umfang des Stoffes deutlich. Aus dem verschwommenen Dunklen der Geschichte hebt sich erst allmählich die Kontur der Anatomie hervor, anfangs amateurhaft, sieht man von der Priesterkaste in einigen Religionen ab, dann aber kristallisierte sich das professionelle Betreiben dieses Faches an den Universitäten heraus und schließlich entsteht der starke Einfluss der Bildungspolitik und der  naturwissenschaftlichen Fächern wie Chemie und Physik auf diese Entwicklung. Eine grobe Einteilung bietet sich deshalb zwanglos an:

1)      Die Anatomie in Berlin vor der Universitätsgründung.

2)      Die Anatomie in Berlin an der Universität bis 1945

3)       Die Anatomie in Berlin an 2 Universitäten  (HU  und  FU)

Vor der Universitätsgründung, d.h. vor dem 18.Jahrhundert, beruhte des Wissen der Medizin  im Wesentlichen auf dem anatomischen Wissen, das natürlich wegen des Fehlens eigener wissenschaftlicher Erfahrungen und eigener Präparationspraxis nur z.T. richtig war und damit Grundlage vieler falscher Vorstellungen, Dogmen und Fiktionen. Aber trotzdem kann gesagt werden, dass das Weltbild der Medizin   zu einem großen Teil auf der  Anatomie beruhte. Das gilt besonders für Berlin, wo die Anatomie im 17. bis 18 Jahrhundert in hoher Blüte stand. Vorher kann aus verständlichen Gründen, sprich Kleinheit und Unterentwicklung der Stadt,  geringe Entwicklung der Anatomie überhaupt das Fach in Berlin vernachlässigt werden. Eine gewisse Blüte des Faches kam   vor allen Dingen durch die Förderung vom Staat, besonders der preußischen bzw.  brandenburgischen Kurfürsten und Könige zustande. Sie waren aus Gründen der Gesundheit ihrer Soldaten und Untertanen, aber auch zur allgemeinen Hebung der Wissenschaft und Bildung an diesen Dingen interessiert. Dazu kam die stimulierende Wirkung des Zeitgeistes des Barock (siehe weiter unten).

          Bei der riesigen Fülle an Stoff, auch in den späteren Perioden, muss eine Auswahl getroffen werden, die natürlich subjektiv sein wird. Ich bitte diese Subjektivität im Folgenden zu entschuldigen.

          Die Vorträge der hier vorgestellten  Reihe sind sowohl dem 200-jährigen Jubiläum der Universität bzw. dem 300-jährigen der Charite, als auch dem gleichzeitigen Jubiläum der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde geschuldet, die ebenfalls 1810 gegründet wurde. Wegen der oben kurz angesprochenen Bedeutung des Faches Anatomie für die Medizin allgemein ist es durchaus sinnvoll und berechtigt die Anatomie in diese Vortragsreihe aufzunehmen. – Bereits der Anlass zur Gründung war, wenn ich so sagen darf, anatomisch. Der äußere Anlass war nämlich das 50.-jährige Dienstjubiläum von Walter sen., damals Direktor des Theatrum Anatomicum und Stifter des Anatomischen Museums. Er sollte auch erster Präsident der neu zu gründenden Gesellschaft werden, lehnte aber aus privaten Gründen ab. In der Folgezeit sind mehr als 30 Anatomieprofessoren Mitglied der Gesellschaft gewesen, auch in der Eigenschaft als Präsident, Vizepräsident oder Sekretarius. Sie haben das wissenschaftliche Leben der Gesellschaft, z.B. bei der Teilnahme an den regelmäßigen Vorträgen,  beträchtlich mitgeprägt.

          Bei dem Bemühen, die Geschichte der Anatomie in Berlin in einem größeren Zusammenhang dazustellen und diese Entwicklung möglichst übersichtlich zu gestalten drängt sich eine historische Einteilung und Darstellung auf, wobei natürlich auch die jeweils handelnden Personen zu berücksichtigen sind. Es wären aber auch andere Einteilungskriterien möglich, etwa die wechselnden Ausbildungscurricula, die Fortschritte in der Präparations- und Darstellungstechnik usw. Bei der historischen Darstellung bietet sich folgende Gliederung an:

1. die vorsokratische mythisch- religiöse  Periode

2. die Periode der Gültigkeit  der von Hippokrat, Galen und Avicenna geprägten Medizindogmen   des Mittelalters.

3. die wissenschaftliche Periode seit Vesal (1543)

4 . die „goldenen“ Jahre der Universität (1810 – 1933/1945 )

5. die Aufbauperiode nach dem Krieg

6 . Parallelexistenz zweier Anatomien an der HU und FU               

         

1+2. Die mythisch – religiöse  und die mittelalterliche  Periode

          Die Punkte 1 und 2 können wir als die vorwissenschaftliche Periode zusammenfassen. Sie ist überliefert wesentlich durch die Schriften von

              Hippokrates  ( 384 – 322 v.Chr.)

              Galen    (  131 –  2o1  n.Chr.)

              Avicenna   (  984  –  1037  n.Chr.  )

                    Die übermittelten Fakten beruhen nur auf wenigen direkten   eigenen Kenntnissen, wie z.B. auf eigenen Präparationen   der griechischen Philosophen und der Mitglieder der alexandrinischen Schule sowie auf Erfahrungen aus Tiersektionen und an Opfertieren. Im wesentlichen waren aber die anatomischen Vorstellungen auf der verbalen Weitergabe lange tradierten Wissens und  in geringem Masse auf den nur wenig vorhandenen Büchern aufgebaut. Durch die alleinige mündliche und literarische Weitergabe der Fakten, die teilweise auf Dogmen beruhten und durch religiöse und andere Einflüsse verfälscht waren, veränderte oder verbesserte sich der Wissensstand nicht, sondern wurde,  wie  bei  allen Dogmen üblich, zusätzlich  durch Übermittlungsfehler oder Fremdeinflüsse verfälscht. Sie wurden außerdem von allen philosophischen, religiösen und mythischen Strömungen der Zeit jeweils unterschiedlich stark beeinflusst.  Wenigstens das Einteilungsschema der Medizin dieser vorwissenschaftlichen Periode, zuletzt überliefert von Avicenna, hat sich aber in Teilen bis in das 19. Jahrhundert hinein erhalten. Aus diesen Gründen, auch weil echte historische Quellen nur wenig vorhanden sind und  nicht zuletzt wegen der unbedeutenden Größe und niedrigen kulturellen Entwicklungsstufe  von Berlin soll auf diese Periode hier nicht weiter eingegangen werden.

 

3. Die wissenschaftliche Periode der Anatomie seit Vesal

                      Sie beginnt mit Vesal 1543. In diesem Jahr veröffentlichte er sein berühmtes  Buch   „de corporis humani fabrica“ in Basel. Es beruhte allein auf eigenen präparativen Erfahrungen. Zu dieser zunehmenden Wahrnehmung der Anatomie im Rahmen der Fortschritte der Wissenschaft  kamen noch weitere Faktoren, die eine Verbreitung der Anatomie und die Akzeptanz des Faches gerade in Berlin förderten hinzu :

– Der Zeitgeist des Barock mit seiner veränderten Einstellung zum Tode

– Das zunehmende Interesse des Staates und des Hofes an der      „Volksgesundheit“ , in Preußen besonders auch der Soldaten

– Die Verbesserungen der anatomischen Präparationstechniken

– Und schließlich die Qualität und die Wertschätzung der hiesigen Anatomen. Wie zu dieser Zeit üblich, waren sie nämlich nicht nur Anatomen, sondern praktizierten auch als Ärzte und hatten so einen großen Einfluss auf ihre Umgebung.

 

          In Berlin jedenfalls wurde von staatlicher Seite ab Mitte des 17. Jahrhunderts eine Reglementierung des Medizinalwesens diskutiert, da der Wildwuchs der medizinisch tätigen Einzelpersonen und Berufssparten mit ihren diversen Ausbildungen und Praktiken immer unübersichtlicher wurden. Die Überlegungen mündeten 1685 in dem Medizinaledikt des großen Kurfürsten. In ihm wurde neben vielen anderen Punkten auch die Ausbildung der Mediziner und der medizinischen Hilfsberufe und die Wichtigkeit der Anatomie  festgelegt. Gleichzeitig wurde das Collegium medicum gegründet, seine Aufgaben und Begrenzungen definiert.  Aus diesem Edikt und allen daraus resultierenden Anordnungen, die dieses  mit Inhalt erfüllen sollten, wurde die Wichtigkeit der Anatomie im damaligen Weltbild der Medizin betont und festgelegt.

          Um diese Diskussionen und Probleme besser verstehen zu können, müssen wir wissen, wie zur damaligen Zeit die personelle medizinische Versorgung,  speziell in Preußen organisiert war. Zunächst existierten 2 große Personengruppen:

1. Die akademisch gebildeten Ärzte, die an  einer der üblichen Universitäten studiert hatten und dort auch – wenn auch in unterschiedlicher Weise  – geprüft waren

2. Das nicht-akademische Personal wie Bader, Barbiere, Wundchirurgen, Steinschneidern,  Starstecher, Feldschere usw.

                       Die studierten Ärzte hatten Niederlassungsfreiheit.  Es ist    allerdings zu berücksichtigen, dass sie keine chirurgischen Aktivitäten entfalten (durften). Die Nicht-studierten waren dagegen streng ständisch  reglementiert. Ihre Ausbildung erfolgte über ein Meister – Lehrlingsverhältnis. Ihre Berufszulassung und ihre Niederlassung musste vom Magistrat genehmigt werden. Die Grenzen zwischen den beiden medizinisch tätigen Personenkreisen  – akademisch und nicht-akademisch – waren streng geregelt. In der  Armee konnten Sie ohne Studium bis zum Kompaniechirurgen oder –medicus aufsteigen. Für die Stelle des Regimentschirurgen war dagegen üblicherweise ein Studium Voraussetzung. Allerdings konnten in der Armee diese Grenzen durch eigene Aktivität, z.B. Hören von Vorlesungen, Teilnahme an den sog. Anatomien, Auslandsaufenthalte durchbrochen werden. Das galt besonders für die preußische Armee, bei der die Durchbrechung der Standesgrenzen häufiger vorkam – entsprechend dem Bedarf an Ärzten. Beispiele sind u.a. Görke (später Generalarzt der preußischen Armee), Mursinna (später Generalchirurg der preußischen Armee und Prof. für Chirurgie an der Universität), beide begannen als Bader.

           Da aber der Staat nach diesen Vorgaben an entsprechenden Angeboten zur Weiterbildung  und an festen Strukturen des anatomischen Unterrichts interessiert war, macht sich in Preußen eine fehlende Infrastruktur auf diesem Gebiet störend bemerkbar. Seit Ende des 17. Jahrhunderts wurde deshalb an staatlichen Stellen die Gründung einer entsprechenden Ausbildungsstätte, z.B. in Form eines Theatrum Anatomicum, wie es an anderen Universitäten bereits vorhanden war (siehe Frankfurt/O), diskutiert. Dieses Aktivitäten mündeten im berühmten Medizinaledikt des Großen Kurfürsten von 1685 in dessen Folge  dann auch eine  „Anatomiekammer“  zur Regelung der Medizinerausbildung, der Sektionen, der sog Anatomien, ihrer Teilnehmer, der Sitzordnung (!) usw. eingerichtet wurde. Natürlich wurde auch schon vorher in Berlin Anatomie betrieben. So wurden privat und auch öffentlich an Krankenhäuser Leichenöffnungen durchgeführt und auch Sammlungen angelegt. Meistens enthielten sie  aber nur Kuriosa wie Missbildungen, monströse Krankheitsveränderungen usw. Als Namen seien hier genannt Gohl, Spener, Wolff, Hoffmann, Lieberkühn d.Ä.

Nach der Zeit des Überlegens wurde mit Amtsantritt von Friedrich-Wilhelm I das Theatrum Anatomicum gegründet. Der König hatte vorher die Universität Leyden besucht, damals mit führend auf diesem Gebiet und sich beraten und beeindrucken lassen. Interessant ist die Tatsache,  dass das Theatrum  nicht vom König oder vom Staat supplementiert wurde, sonders von den Einkünften, die  durch das Monopol der Akademie zur  Herstellung und zum Verkauf von Kalendern für Brandenburg eingenommen wurden.

          Das Theatrum war im kgl. Marstall untergebracht und zwar in einem Eckturm,  entsprechend später der Dorotheen- Ecke Charlottenstr, dem heutigen Gelände der Staatsbibliothek. In einem zentralen Turm war das Observatorium der Akademie eingerichtet. Das Theatrum besaß- nach vorliegenden Bildern offenbar 6 Sitzreihen, wohlgeordnet für Professoren, Hochgeborene, Doktoren, nicht-akademisches Personal, Studenten und ganz oben Laien.. Die Gehilfen und Prosektoren verdienten sich durch Schwarzverkauf von Eintrittskarten ein Zubrot. Der Prosektor oder Demonstrator präparierte während des Vortrages die Leiche oder demonstrierte bereits präparierte Teile oder Einzelteile, während der Professor in einem Abstand dazu etwas erhaben  dozierte. Die Raumverhältnisse waren im Theatrum sehr beschränkt. Es existierten 5 sehr kleine Zimmer, eine Küche  und einige Wandschränke. Diese Verhältnisse blieben bis 1827 (!), also noch nach Gründung der Universität unverändert erhalten. Dann zog man um in die ehemalige Garnisonsschule, hinter der ehemaligen Garnisonskirche. Dieser Ort entspricht etwa der heutigen S-Bahnstation Marx-Engelsplatz. Aber auch hier waren die räumlichen Verhältnisse eher noch bedrückender: 2 kleine Räume zum Präparieren und 1 kleiner Rum für Müller und Schwann und ein kleiner Raum für Schlemm und das übrige Personal. Dabei mussten von Anfang an 200 und mehr Studenten / Semester versorgt werden. Da nur während des WS richtig präpariert werden konnte, der Kurs aber 2-semestrig angelegt war kann man  sich die Fülle, besonders im WS, nur schwer vorstellen. Alle Berichte, die wir kennen, sprechen von unerträglichen Zuständen. Um die gröbste Not zu lindern wurden einige Vorlesungen, besonders die für Histologie und Embryologie, im Hauptgebäude de Universität, dem ehemaligen Prinz Heinrich – Palast abgehalten.  

             Ehe wir uns den handelnden Personen zuwenden sollen kurz die Sammlungen erwähnt werden, für die Berlin berühmt war. Zunächst legten alle Direktoren des Theatrum Sammlungen an. Dann kaufte der Staat bzw. der König z.B. Sammlungen von Loder, Anatomie-Professor in Jena und nach Ablehnung eines Rufes nach Berlin in Dorpat und Moskau und von Walter (letzter Direktor des Theatrum). Diese Walter`sche Sammlung kostete 100000 Reichsthaler. Sie wurde im Haus von Major Hühnerbein „Unter den Linden 21“ und in Teilen im Universitätshauptgebäude untergebracht. Bei der Eröffnung des Hertwig-Hauses (1888) wird sie hierher verlagert, bis sie dann W.Waldeyer  auflöst und in die einzelnen Institut verteilt.  Den Hauptteil   bekam    Virchow (ca 25000 Stück) für die Pathologie. Etwa 2000 Präparate verblieben in der Anatomie.

          Zur 50 Jahrfeier wurde schließlich ein neues Institut versprochen und das heute noch im Garten der ehemaligen kgl. Arzneischule stehende Institut  1865 eingeweiht.

 Zurück zu den handelnden Personen: Mit dem Bau eines Theatrum musste auch das Problem des Direktoriats gelöst werden. Es wurden viele Namen gehandelt, z.B.  der von Albinus in Frankfurt/O. Aber auch die hier in Berlin Anatomie treibenden Ärzte bewarben sich: Wolff  und Hoffmann, die enttäuscht Berlin verließen, Lieberkühn  und einige andere. Da die Akademie das berufende Gremium war, wurde über diese Institution viel antichambriert. Schließlich einigte man sich mit Wohlwollen des Hofes auf  SPENER.  Er war viel herumgekommen und hatte auch  schon in Berlin Anatomie betrieben. Er erwies als guter Griff und war fleißig und wissenschaftlich bekannt. Er war nur knapp 1 Jahr (1713-1714) tätig und starb  wahrscheinlich an einer Sektionssepsis. Er  führte in dieser kurzen Zeit 10 Anatomien durch.  Von ihm sind Einladungen zu Anatomien, Sektionsprotokolle und Vorlesungspläne bekannt. Sein Nachfolger wurde HENRICI (1714-1723) Das Gegenteil von Spener. Offenbar war er wenig interessiert und hatte keine enge Beziehung zur Anatomie. Selbst der König musste einige Male intervenieren, da das Theatrum ungenutzt und im schlechten Zustand war. Allerdings hatte er starken Rückhalt bei Hofe. Wie damals üblich war er nebenbei noch klinisch tätig, Arzt bei Hofe und Leibarzt beim Fürsten von Dessau. Die wenig befriedigende Periode dauerte bis 1723. Es folgte BUDDEUS (1723 – 1753). Er war wieder sehr aktiv und beliebt. In seine Amtszeit fällt die Gründung des Collegium medico-chirurgicum mit dem Beginn einer Universitäts-ähnlichen Ausbildung. Schon 1719 hatte König Friedrich- Wilhelm I die Anordnung erlassen, dass angehende Chirurgen  während ihrer Ausbildung eigenhändig präparieren müssten. 1726 führte Buddeus  den praktischen Unterricht für Studenten  an der Leiche ein, also den Präparierkurs, erstaunlich früh im Vergleich zu vielen anderen Universitäten. Als Nachfolger wurde MECKEL d.Ä. (1753-1773) ausersehen. Er hatte 1751 die  Hebammenschule gegründet und dort  bereits begonnen, Anatomie zu unterrichten und zu demonstrieren. Er ist Gründer einer ganzen Anatomendynastie, vorwiegend in Halle. Ihm folgte J.G. WALTER oder d.Ä. (1773 – 1810), also bis Gründung der Universität.  Er war Gründer des Anatomischen Museums und seit 176o Prosektor am Theatrum. Sein 60-jähriges Dienstjubiläum dort war Anlass zur Gründung unserer Gesellschaft für Natur- und Heilkunde. Unter ihm begann 1783 Knape als   Anatomie -Professor am Collegium medico-chirurgicum und 1795 auch an der Pepiniere. Er wurde als einziger mit an die neu gegründete Universität übernommen. Trotz einiger Querelen zwischen Pepiniere und Uni gehörte seitdem die Anatomie auch für Militärärzte zu den Pflichten der Universität. Dieser Zweig der medizinischen Ausbildung muß also in unserem Zusammenhang nicht mehr verfolgt werden.

 

4. Periode der Universität

           Als erster  o. Professor noch für Anatomie und Physiologie-  wurde  K. A. RUDOLPHI (1810 – 1833) aus Greifswald berufen.. Ursprünglich Veterinär, breit zoologisch, aber auch  anatomisch ausgebildet, vielseitig, besonders philosophisch interessiert. Er galt als guter Lehrer, regte seine Schüler zur Forschung und exakter Beobachtung  an. Es liegen von ihm viele Publikationen vor, vor  allem über das System der Würmer.- Da er vorwiegend zoologisch-vergleichend interessiert war, delegierte er viele normal – anatomische Arbeit an seinen Prosektor und später auch Vertreter, an Schlemm. Schlemm ist ein Beispiel für den selbsterwirkten Aufstieg ohne Studium und für die Bedeutung der Anatomie für die Durchbrechung der Ständegrenzen. Die preußische Armee war an diesem Aufstieg indirekt beteiligt. Sie machte solche Entwicklungen möglich. Insofern ist der Weg Schlemms einige Worte wert. Er wurde 1795 in Salzgitter geboren  und interessierte sich von Anfang an  und ohne wesentliche Schulbildung für Anatomie. Er lernte deshalb bei einem Bader. Er wurde  angeklagt,  ohne Genehmigung seziert  oder Material entnommen zu haben. Er kam einigen Wochen ins Gefängnis und ging dann nach Berlin, bekam Anschlus an die Anatomie und Universität.  Bald war er für seine Geschicklichkeit, Kenntnisse und seinen Fleiß bekannt. Er wurde  Prosektor, durfte pomovieren und wurde 1823 ao. Professor, 1829 sogar o. Professor. Fürwahr, eine erstaunliche Laufbahn.

 

           Der Nachfolger von Rudolphi wurde J. MÜLLER  (1833 – 1858), der Star unter den Naturforschern der damaligen Zeit. Er symbolisiert den Übergang vom Zeitalter der Naturphilosophie in das der strengen Naturwissenschaft. Da er sowohl Anatomie als auch Physiologie lesen musste, überließ er Schlemm weitgehend die Arbeit in der Anatomie, die Vorlesungen allerdings nicht. Die waren ja an die Höhe des Gehaltes gekoppelt. Müller hat eine Fülle von berühmten Publikationen hinterlassen, besonders auf dem Gebiet der  Erregungs- und Muskelphysiologie. Er prägte seine Schüler im Sinne der modernen Naturwissenschaft und wusste sie für die Wissenschaft zu begeistern. Er hatte schon in Bonn zahlreiche Schüler und auch in Berlin stießen noch viele neue hinzu: z.B. Henle, Schwann, Schlemm, Brücke, Helmholz, Virchow, Remak, Reichert, du Bois-Reymond, Häckel.

          Nachfolger Müllers wurde sein Schüler K.B. REICHERT (1858 – 1883). Allerdings las er nur noch Anatomie. Er hat wesentliche embryologische und vergleichende Beiträge zur Entwicklung des Kopfes geleistet, z.B. über das Skelett der  Kiemenbögen, das primäre und bleibende Kiefergelenk, den knöcherne Hörapparat, das primäre und sekundäre Kopfskelett. Er plante und beaufsichtigte den Bau des heutigen Anatomischen Institutes. Später entwickelte er offenbar eine Demenz und wurde zu spät von seinen Pflichten entbunden Dadurch wurde er leider Ziel vieler studentischen Witze.

          Ihm folgte W.  WALDEYER  (1883 – 1917), zweifellos ein auch international sehr bekannter Mann. Er markiert einen der Höhepunkte der Anatomie in Berlin. Er kam über Breslau und Strassburg nach Berlin. In vielen Bereichen der Anatomie war er produktiv, z.B. auf dem Gebiet des Beckens. Er prägte die Begriffe Neuron und Chromosom. In vielen nationalen und internationalen Gremien war er aktiv und führte die Berliner  Anatomie zur Weltgeltung. Er nahm aktiv gegen das Frauenstudium Stellung, was ihn aber nicht hinderte seinem 1. Prosektor H. Virchow, dem Sohn von R. Virchow und selbst ein weltbekannter Anthropologe, die Erlaubnis zur Durchführung eines Präparierkurses für Frauen (1904) zu  geben.  Am Ende seines Lebens wurde er noch geadelt und hieß jetzt von Waldeyer – Hartz, nach dem Geburtsnamen seiner Frau.

           Ihm folgte R.A.  FICK  (1917 – 1935) Er kam über Prag und Innsbruck nach Berlin. Berühmt war er durch seine Gelenklehre, Bewegungsmechanik und seine Forschungen über die Knochenfunktionen. Er war mathematisch sehr begabt, wie sein Vater, ein berühmte Physiologe in Würzburg. Er hatte – zu seinem Leidwesen – die ganzen Turbulenzen der Nach-  und Zwischenkriegszeiten in Berlin zu ertragen.

           1935 wurde H. STIEVE (1935 – 1952) aus Halle berufen, damals der  bei seiner Erstberufung  der jüngste Ordinarius für Anatomie. Er führte ein strenges Regiment, besonders bei Prüfungen.  Er machte sich sehr durch Forschungen an weiblichen und männlichen Sexualorganen verdient und wurde als Anatom der Gynäkologen berühmt.  So klärte er die Mechanismen des weiblichen Zyklus auf. Und er trug Wesentliches zur Kenntnis der   Placentaentwicklung  und der Schwangerschaftsveränderungen des Uterus und des Cervix bei. Er beschäftigte sich mit vielen Problemen der Anatomie, auch in Histologie und Embryologie, besonders natürlich mit der Morphologie der Hormonwirkung. Es soll nicht verschwiegen werden, dass er  nach dem Kriege in die Kritik geriet. Er soll die unter den Nazis reichlich anfallenden Leichen zur Forschung genutzt haben und das nach Terminabsprachen mit den  Justizbehörden. –  Nach dem Kriege hat Stieve noch segensreich für die Charitee gewirkt. Die berühmten Ärzte  der Charitee waren in Russland bekannt. Einige der hochrangigen Mediziner in der russischen Armee hatten hier sogar studiert. Sie konnten der Charitee einige Vorteile bei der Versorgung.verschaffen.  Stieve starb 1952 an einer Massenblutung des Gehirns.

 

Anatomisches Institut

       Bevor wir uns der Nachkriegszeit zuwenden, müssen wir nochmals etwas zurückgreifen und uns einem Haus oder Institut neben der Anatomie zuwenden, dem Oskar – Hertwig – Haus oder dem Anatomisch – biologischen  bzw. dem  II. Anatomischen Institut zuwenden. Es wurde 1888 eröffnet, weil das I. Institut langsam zu eng wurde und die Zahl der Medizinstudenten und der Gäste immer mehr zunahm. Es war für den Histologie- und Embryologie – Unterricht gedacht.

           Als 1. Chef wurde O. HERTWIG (1888 – 1921)  aus Jena berufen, damals ein sehr bekannter Embryologe, Cytogenetiker, Histologe und Biologe. Er hat die Befruchtung des Seeigeleies, die Konstanz der Chromosomen und viele anderen zytologische und  embryologische Phänomene beschrieben. Bei Hertwig beginnt 1892 Kopsch seine anatomische Laufbahn.

           Es folgt F. KEIBEL  (1921 – 1929),  bis zum  Kriegsende in Straßburg. Nach den Beschreibungen seiner Zeitgenossen war er  bei Berufung durch Kriegsereignisse, private Probleme und offenbar auch endogen  bereits ein körperlich und psychisch gebrochen Mann. Er war aber  immer noch ein blendender Wissenschaftler, hatte sich aber publizistisch und persönlich von der Öffentlichkeit zurückgezogen. So hat er in der Nachwelt nur wenig Spuren hinterlassen, zweifellos zu unrecht. So  hat er seine „Normentafeln“, ein vielbändiges Werk herausgegeben, in dem er und seine Co-Autoren die genaue Entwicklung der verschiedenen Species, besonders Versuchstierspecies beschrieben haben. Als wir seinerzeit nach der Contergan-Katastrophe anfingen uns mit Teratologie zu beschäftigen, hätten wir uns ohne seine Arbeiten nicht so schnell in das Gebiet der vergleichenden Embryologie einarbeiten können. Ab 1929, d.h. nach dem Tode  Keibels  übernehmen die Direktoren des I. Anatomischen Institutes  das Direkoriat des II. Anatomischen  Institutes mit, also bis  1935 Fick und dann Stieve. Als kommissarische Leiter fungieren während dieser Zeit erst Krause, dann Boening. Unter Stieve wird dann dieses Institut wieder in das allgemeine Institut eingemeindet.

 

5. Die Nachkriegszeit

Die Zeit nach Stieve, die eigentliche Nachkriegszeit ist für den Außenstehenden und selbst für die Beteiligten sehr unübersichtlich. Natürlich standen noch Reparatur- und  Aufräumarbeiten und die Organisation  des Unterrichtes im Vordergrund. Dankenswerterweise stellt sich der alte Kopsch mit  Mitte 7o nochmals zur Verfügung. Im übrigen waren  anfangs noch Fahrenholz, Hertwig Jr. (der Sohn von  Oskar H.), Kirsche und A. Waldeyer als Habilitierte oder Professoren von Stieve einsetzbar. Die Nachfolge von Stieve gestaltete sich wegen der politischen und wirtschaftlichen Lage usw. sehr  schwierig. Zunächst übernahm Kirsche das Amt bis 1954  vertretungsweise.  Dann wurde A. Waldeyer    (1954 – 1966)  berufen, ein Verwandter von W.Waldeyer..Er hatte sich als Nazi geriert und war  bis zuletzt in Nazi-Uniform im Institut mit entsprechendem Gehabe herumgelaufen. und war deshalb nach dem Kriege entlassen worden. Er ließ sich in Westdeutschland und später in West-Berlin als praktischer Arzt nieder. Da trotz aller Anstrengungen kein Nachfolger für Stieve gefunden werden konnte, wurde er  als Stieve –Habilitierter „begnadigt“ und 1954 berufen. Er führte das Institut, auch als Dekan- durch die schwierigen Zeiten des Mauerbaues und renovierte viel. Als wissenschaftliche Leistung ist von ihm ein sehr schönes zweibändiges Lehrbuch des Anatomie bekannt. Nach dem Tode und einem Interregnum übernahm Kirsche (1967 – 1973) das Amt als kommissarischer Leiter erneut. I973 habilitierte sich  J. Staudt  ( 1973 – 1980) und wurde als „geschäftsführender Direktor“ eingesetzt. In dieser Stellung wurde er zwar 1977 bestätigt, hatte aber als bekennender Katholik dauernd politische Probleme und wurde 1980 abgesetzt. Dann wurde nach einem offenbar normalen Berufungsverfahren  R. Bertolini  ( 1980 – 1983/86 ) aus Leipzig berufen. Er entwickelte leider schnell eine Alkoholkrankheit, musste deshalb bereits 1983 als Direktor abgelöst und 1986 entpflichtet werden. 1983 übernahm  erneut Staudt  wieder das Amt bis 1986 kommissarisch. In diesem Jahr  wurde dann –offenbar mit etwas politischem Druck Wenzel  (1986 – 1990) berufen. Ein junger, in Anatomenkreisen relativ unbekannter, aber parteipolitisch korrekter Mann, mit vielen Verbindungen zur Armee und Polizei, der 1990  entlassen wurde. Dann übernahm zum dritten (!) Mal   bis zu seinem frühen Tode ( 1994) Staudt  das Direktoriat. Danach beginnt zweifellos ein neuer Abschnitt der Anatomie-Geschichte, auf die aber hier nicht mehr eingegangen werden soll.

 

6. Anatomie der Freien Universität

          Wenden wir uns nun der Anatomie  der Freien Universität zu. 1948 war der politische Druck an der HU so stark geworden, dass  Reaktionen bei den Studenten nicht ausbleiben konnten. So kam es zu Überlegungen, Planungen und Verhandlungen zur Gründung einer Universität im Westteil der Stadt. Erst zögerten die Amerikaner, noch stärker die Engländer und Franzosen, dann entschlossen sie sich aber doch zur Unterstützung. Anfangs zielten die Planungen – wegen der Finanzlage – auf eine Universität ohne Medizin, dann mit Medizin, schließlich waren viele der Gründungsstudenten Mediziner.  Allerdings war Nichts vorhanden, keine Räume, keine Ausrüstung, keine Bücher, keine Dozenten.  Die meisten Dozenten, die angesprochen wurden fühlten sich der HU verpflichtet oder hatten Angst vor einer Besetzung West-Berlins durch die Russen wegen der antikommunistischen Grundhaltung der neuen Universität, andere wieder hatten überhaupt kein Vertrauen zur neuen Universität.

          Trotzdem wurde der Plan in Gang gebracht. Als erster Anatomieprofessor wurde  E. v Herrath  (1949 – 1972) als Gastprofessor eingeladen und 1949 berufen. Er hatte den Krieg in Fribourg  (Schweiz) überstanden und dort schon ein neues Anatomisches Institut geplant. Nach dem Krieg kam er als Extra- Ordinarius  in das stark zerstörte  Giessen, wo ebenfalls eine neue Anatomie für eine Medizinische Hochschule aufgebaut werden  sollte. Zunächst war in Berlin keine Infrastruktur vorhanden: Es fehlten Leichen, sowohl fixiert als auch unfixiert, Lagerungsräume,  Präparations- und Demonstrationsräume, Handwerkzeug, jegliches ausgebildete Personal, keine Histologieausrüstung usw.usw. So war es verständlich, dass in den ersten beiden Semester  Mediziner des 1. Semesters nicht  zugelassen werden konnten, nur die, die bereits die Kurse (Präparier- und Histologie-Kurs) an  anderen Universitäten absolviert hatten.. Der Autor z.B. studierte erst Kunstgeschichte und Archäologie, ehe er zur Medizin wechseln konnte. An Räumen standen dann  das von den Amerikanern beschlagnahmte Gebäude der Biologischen Reichsanstalt  in der Königin – Luisestr zur Verfügung: Im Erdgeschoss und im Keller die Anatomie, im 2. und 3. Stockwerk die Physiologische – Chemie und die Physiologie und ganz oben der Vorlesungssaal. Bereits in Frühjahr 1949 wurde mit dem Bau eines Anatomischen Institutes begonnen und im Herbst desselben Jahres (!)  waren der Präpariersaal, die Leichenaufbewahrungsräume, die Garderoben und einige Labor- und Verwaltungsräume fertig und der eigentliche Betrieb konnte beginnen. Seitdem wurde in der Anatomie der FU pausenlos gebaut und renoviert. Ich kann mich an keine Zeit erinnern, in der nicht gewerkelt wurde.  Von Herrath war durch  seine Milzforschungen bekannt geworden und hatte sich in Giessen gemeinsam   mit den Physikern der Fa.Leitz mit der optischen Mikroskopie beschäftigt. Daraus resultierte ein Atlas der  „Mikroskopischen Anatomie“ mit phantastischen Bildern, die als Dias bis Schluss an der FU benutzt wurden. Nach seiner Übersiedlung nach Berlin war er zusätzlich natürlich mit der Planung und Organisation der Anatomie sowie dem Neubau voll ausgefüllt. Später galt sein Interesse den Neuauflagen des Atlas und der Herausgabe einer Milzmonographie. Er starb 1972, einen Tag nach seinem 65. Geburtstag.

            Der Personalplan sah anfangs 1 o. Professor,  1 Extraordinarius und 3 Assistenten vor. Als Extraordinarius wurde Ende 1949  W. Schwarz. berufen. Er kam über Jena, wo er sich habilitierte dann aber aus politischen Gründen gehen musste nach Königsberg und machte dann als Truppenarzt den gesamten Krieg inkl. russischer Gefangenschaft mit. Nach seiner Entlassung war er im Rahmen eines Stipendiums nach Göttingen gegangen und hatte  dort die neuesten optischen Methoden gelernt, ehe er dann 1949/50 nach Berlin berufen wurde. Vor dem Krieg hatte er sich mit kinematographischen Gelenkdarstellungen beschäftigt bis er in Göttingen seine Liebe für die Ultrastruktur fand. In Berlin schloss er sich der Gruppe um Ruska im MPI an und erlernte die Elektronenmikroskopie, von da an sein zentrales Interessengebiet. Er wurde bald international bekannt, stimulierte viele medizinische Arbeitsgruppen in der Medizin der FU und trug zur wissenschaftlichen Reputation der FU Beträchtliches bei. Er schrieb eine Reihe von klassischen Arbeiten über das Bindegewebe. Da die Zahl der Medizinstudenten immer mehr zunahm wurde auf Empfehlung des Wissenschaftsrates an der FU ein II. Anatomie eingerichtet. Sie wurde 1966 mit W. Schwarz  (1966 – 1976)  besetzt. Auch mit dieser Maßnahme war das Mengenproblem der z.T. per Gericht zugelassenen Studenten noch nicht gelöst und es wurde ein III. Anatomisches Institut eingerichtet und dafür   Clemens  (1967 – 1971) ausgewählt.  Er war der 1. Habilitant von E.von Herrath und  durch Arbeiten über die Wirbelsäule, besonders deren Blutgefäße, bekannt geworden. Auf diesem Wege entwickelt er sich als Fachmann und Gutachter  für Wirbelsäulenverletzungen nach Verkehrsunfällen. Er schied bereits 1971 wegen einer Formolallergie, d.h. einer Berufsunfähigkeit aus dem Dienst aus.

          Nach dem Tode von v. Herrath erhob sich das Problem der Wiederbesetzung der Ordinariatsstelle. Zu diesem Zeitpunkt hatte Merker, der 1. Habilitant von Schwarz Rufe nach Erlangen und Hamburg erhalten. Die FU trat an ihn heran, um ihn zum Bleiben zu bewegen, da das jetzt nicht mehr als Hausberufung galt. Trotz des verlockenden Rufes nach Bayern, was Geld und Politik anbetraf, entschloss sich Merker in Berlin zu bleiben, nicht zuletzt, weil hier gerade ein Sonderforschungsbereich der DFG eingerichtet worden war, in dem er eine wichtige Rolle spielen sollte. H.-J. Merker (1972 – 1998) übernahm damit noch 1972 die Nachfolge von v. Herrath. Er schrieb einige meistzitierte Arbeiten z.B. über den Arzneimittelstoffwechsel am glatten Er (zusammen mit Remmer 1961- 1963) oder über die Lysosomenformen bei Embryonen  (mit Schweichel, 1976). Ausserdem pflegte er die Zusammenarbeit mit vielen anderen Forschergruppen an der FU, besonders aus der Pharmakologie und der Biochemie. Für die beiden aufeinanderfolgenden SFB`s war er als Morphologe von essentieller Bedeutung. Er setzte die von Schwarz begonnene Tradition der Embryologie fort und führte z.B. auch die freiwilligen Embryologiekurse ein.

           An dieser Stelle kann ich eine kritische Bemerkung nicht unterdrücken. Weder die FU noch die Charitee ( bei ihr geht die embryologische Tradition mit Reichert, Kopsch, Keibel, Stieve  noch länger zurück )  hat es vermocht, die  Kontinuität auf diesem Gebiet aufrecht zu erhalten. Aus Unkenntnis, egoistischem Ehrgeiz, Machtstreben Einzelner und abstrakte Planungsmanie hat man dieses Gebiet, für das Berlin berühmt und erfolgreich war, abgewürgt. Dafür versuchte man auf den Main stream  aufzuspringen, wo andere meistens weiter und  besser waren. Hätte man Kontinuität bewiesen, gehörte heute die Embryologie und zusammenhänge Gebiete, wie die Teratologie zu den versprochenen Leuchttürmen, aus denen jetzt leider zur Not nur  Leuchtbojen geworden sind. Ohne Tradition, die auf Kenntnis der Geschichte beruht und ohne Hektik (sprich : jedes Jahr eine neue Reform), mit Ruhe, Planungssicherheit und Kontinuität wächst keine Wissenschaft und kann nicht zur Blüte kommen.  –  Der  Wert einer Forschung an einem Ort lässt sich zumindest  annäherungsweise an mehreren Parametern festmachen.  Schon früh, seit  Ende der 50er Jahre, also 10 Jahre (!)  nach der Gründung der FU, hatten  wir  einen sehr guten Publikationsindex und publizierten in NATUR  und anderen sehr guten -englischen und amerikanischen Zeitschriften, außerdem kamen immer mehr Gäste in unser Institut, die insbesondere an der  teratologisch-embryologischen  Forschungen interessiert waren Der Ruf eines Institutes lässt sich auch an den Mitarbeitern ablesen, die  an andere Universität berufen werden. Von den 3. Habilitierten von Schwarz wurden alle Ordinarien : Wolff in Göttingen, von Kayserlingk in Aachen und Merker in Berlin). Von 4  Mitarbeitern, die  Merker habilitiert hatte sind 2 als Ordinarien (Herken Jr. in Göttingen und Rune in Hamburg), die anderen 2 als apl. Professoren nach München und  an die HU berufen worden.

          Die Nachfolge des Ordinariates  des II.  Anatomischen Institutes gestaltete sich leider viel schwieriger. Nun  muss man wissen, dass zu diesem Zeitpunkt Berlin als Berufungsziel nicht sehr beliebt war. Berlin galt durch die Studentenrevolten und die  Nachbarschaft der Russen als sehr unruhig und als politisch sehr unsicher. Außerdem waren die Universitätsgesetze als sehr progressiv und Professoren-feindlich bekannt. Die erste Berufungsliste ging also ohne Erfolg durch. Nach vielen Sondierungsgesprächen konnte dann im Rahmen der zweiten Liste Baumgarten (1979 – 2oo5 ) aus Hamburg berufen werden, ein Neuroanatom mit Erfahrungen aus England und Schweden. Sein Hauptgebiet waren die Darstellung, Wirkung und Topographie sowie die damit verwandten Probleme von Serotonin. Er verbesserte unsere Publikationsstatistik durch einige gute Arbeiten und Monographien. Er hatte das undankbare Amt des Geschf. Direktors nach Merker, der bereits Mitte 198o die dortigen Pseudoprobleme nicht mehr ertragen konnte, übernommen und  war in diesem Amt bis zum bittere Ende 2005 tätig.

           Der III. Lehrstuhl durchlief eine eher unruhige Zeit und spielt insofern nur eine geringe rolle, da die kurze Dienstzeit keine Zeit für Prägung oder Entwicklung einer „Schule“ ließ.  Nach dem frühen Ausscheiden von Clemens blieb der Lehrstuhl längere Zeit unbesetzt. Obwohl eine Formolallergie offiziell als Ursache der Berufsunfähigkeit von Clemens genannt wurde, war uns allen bewusst, dass er die Folgen der Universitätsreform nicht mehr ertragen konnte. Auch hier war es aus diesen und aus den weiter oben geschilderten Gründen  schwierig, einen Nachfolger zu finden. Erst auf der 2. Liste konnte 1973 ein Kollege interessiert werden. Es handelte sich um Wüstenfeld ( 1973 – 1979 ). Er kam aus Würzburg und hatte sich mit morphometrischen Problemen, z.B. Kerngrößen beschäftigt. Der Sprung vom ruhigen Bayern in das unruhige Berlin bereitet ihm große Probleme. Er wurde nie richtig in Berlin heimisch. Außerdem machte sich eine alte Kriegsverletzung bemerkbar und er wurde vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Es ging also die Suche wieder los. Erst 1981 wurde dann ein Nachfolger gefunden : Gossrau ( 1981 – 2005 ). Er kam ebenfalls aus Würzburg und war als  ausgewiesener Enzym – Histochemiker bekannt. Er hatte jedoch Probleme mit seinen Berliner Mitarbeitern, sodass  seine Zeit in Berlin nicht immer sehr glücklich war. Wissenschaftlich beschäftigte er sich mit den Proteasen und mit den gasförmigen Transmittern. Er ist der einzige der o.Professoren, der mit nach Mitte überwechselte. Er ließ sich dann aber bald vorzeitig emeritieren.

 Neben der Vermehrung der Lehrstühle, erzwungen durch die Studentenzahlen, nahm auch die Zahl des übrigen wissenschaflichen Personals zu. Von ursprünglich 1 o. Professor, 1 Extraordinarius und 3 Assistenten stieg sie zu den besten Zeiten Ende der Achtzigern auf  3 o. Professoren, bis zu 10 anderen Professoren (C 2 und  3,  apl. Prof.  und solche, die noch auf Assistentenstellen  saßen) und 17 Assistenten. Seit der Mitte der Neunziger wurden frei Stellen nur noch zögerlich besetzt, wenn überhaupt,  oder der Stellenpool der Anatomie wurde als Steinbruch, d.h. für die  Verlagerung  der Stellen zu anderen Instituten benutzt.

 

          Das weitere Schicksal der Anatomie in Dahlem hat uns tief getroffen. Nach der Wende kamen insgesamt 3 Begutachtungs- und Evaluationskommissionen, um das weitere Schicksal des Faches Anatomie in Gesamtberlin festzulegen. Sie waren sich einig, dass der wissenschaftliche output, die Geräteausrüstung, die Bausubstanz den Verhältnissen im Osten weit  überlegen sei. Vor allem die Leichenfixierung und Aufbewahrung und  besonders die Entlüftung in den Präpariersäalen waren  optimal. Alle diese Aspekte waren im Osten erschreckend schlecht. Erinnert sei an dieser Stelle an die Pläne von Althoff kurz nach der Jahrhundertwende 1900 die Uni nach Dahlem zu verlagern, nicht zuletzt wegen der verkehrstechnischen Entlastung der Innenstadt. Aus politischen Gründen hat man sich über alles  hinweggesetzt und immense Gelder in  marode Institute gesteckt. Die Fusion der Medizin von HU und FU war zweifellos ein weiterer großer Fehler. Es ist ein unregierbarer Molloch entstanden und die Geldersparnis hält sich in Grenzen. Lieber mehrere kleine Einheiten, wenn auch mit weniger Geld.    Außerdem hätte Dahlem   viel weniger gekostet.  Dafür hat man ein lebendiges Gebildet von hoher wissenschaftlicher Kompetenz und die Möglichkeit eines sportlichen Vergleiches weggegeben. Die ständigen Veränderungen sind deletär. Eine Uni braucht Ruhe, Kontinuität, Planungssicherheit und Konstanz um wissenschaftlich produktiv zu sein. Zum Schluß wunderte man sich, um bei dem bereits erwähnen Beispiel zu bleiben, dass statt Leuchttürmen der Wissenschaft  nur Leuchtbojen übrig blieben.

 

Danksagung: Herrn  Prof.  Bogusch,  Herrn Dr. Stürzbecher  und Herrn  Dr Winkelmann bin ich für Hilfe bei der Beschaffung  der Literatur und der Bilder sowie für viele anregende Diskussionen zu großem Dank verpflichtet.