14.10.2010 Vortrag Schneider


Die Berliner Rechtsmedizin in Zeiten politischer Umbrüche

Volkmar Schneider

Kaiserin-Friedrich-Haus, 14. Oktober 2010

200 Jahre Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Berlin (1810−2010)

In Berlin haben sich schon immer die politischen Ereignisse fokussiert. Von daher haben auch die hier tätigen Rechtsmediziner die geschichtlichen Entwicklungen hautnah miterlebt. Für mich kann ich dies mit Nachdruck behaupten. Aber dazu werde ich erst am Ende meines Vortrages kommen. Zunächst werde ich auf das von mir vertretene Fach zu sprechen kommen im Hinblick auf die verschiedenen Umbrüche vor 1967, das ist das Jahr, in dem ich als junger Assistent in das Institut von Prof. Walter Krauland, ein ehemaliges Mitglied unserer Gesellschaft, eingetreten bin. Krauland hat den Berliner Lehrstuhl – man muss natürlich richtigerweise sagen: den West-Berliner Lehrstuhl, d. h. den Lehrstuhl für gerichtliche und soziale Medizin der Freien Universität Berlin, im Jahre 1955 als Nachfolger von Prof. Müller-Hess übernommen. Letzterer ging nach Gründung der FU 1949 von Ost-Berlin (Charité) nach West-Berlin (Dahlem). Krauland kam 1955 von Münster nach Berlin, dazu später aber mehr.

Mein Vortrag gliedert sich in verschiedene Zeitabschnitte gemäß der politischen Veränderungen in Deutschland, beginnend mit der (blutigen) Revolution von 1848. Es geht dann weiter mit der Reichsgründung 1871, gefolgt vom Ersten Weltkrieg 1914−1918. Die weiteren Zäsuren ergeben sich durch die Weimarer Republik, die NS-Zeit mit dem Zweiten Weltkrieg 1939−1945, die Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) jeweils 1949, dem Volksaufstand in der DDR 1953, dem Bau der Berliner Mauer 1961 und schließlich der (friedlichen) Revolution 1989 mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990. Mein letzter Arbeitstag im Institut für Rechtsmedizin der Charité – Universitätsmedizin Berlin war der 31. Dezember 2006. Damit überblicke ich die Geschehnisse hier in Berlin über einen Zeitraum von exakt 40 Jahren, davon 24 Jahre in leitender Position, nämlich als Direktor des Landesinstituts für gerichtliche und soziale Medizin Berlin sowie als Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Freien Universität Berlin und in den letzten Jahren als Direktor des fusionierten Universitätsinstituts, fusioniert aus den Instituten der Freien Universität Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin. Zwischenzeitlich hatte ich noch die Aufgabe, das Institut für Forensische Psychiatrie (FU) kommissarisch zu leiten.

Wenn man den Versuch unternimmt, die letzten 200 Jahre – also die Zeit, in der auch die Gesellschaft für Natur- und Heilkunde besteht – Revue passieren zu lassen, dann hat man es, bezogen auf das von mir vertretene Fach hier in Berlin relativ einfach, liegen doch schon eine Vielzahl von Publikationen vor. Hervorheben möchte ich in diesem Zusammenhang vor allem die Publikationen von Herrn Kollegen Dr. Dr. Stürzbecher, der ja auch Mitglied unserer Gesellschaft ist (Mitglieds-Nr. 548). Mitglied der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde war auch der Gründer der Praktischen Unterrichtsanstalt für die Arzneikunde, des heutigen Instituts für Rechtsmedizin, Wilhelm Wagner (Mitglieds-Nr. 36), geboren 1793 in Braunschweig, verstorben 1846 in Berlin. Genauer gesagt, er ist am 21. Januar in Braunschweig geboren worden, d. h. am gleichen Tage wie ich auch. In Berlin bin ich sein Amtsnachfolger. Dazwischen liegen allerdings noch fünf weitere Namen. Sein Vater lehrte zu diesem Zeitpunkt als Professor der Philosophie am Collegium Carolinum. Und auch über Braunschweig gibt es eine Querverbindung. In Braunschweig habe ich auch einige Jahre zugebracht, so das erste Gymnasial-Jahr an der Hoffmann-von-Fallersleben Schule. Hoffmann von Fallersieben, dem wir den Text unserer Nationalhymne verdanken, war als Student Burschenschaftler. Bei den politischen Umbrüchen werde ich auch auf das Wirken und die Bedeutung der Burschenschaften noch etwas näher eingehen.

 Ehe ich auf Wagner zu sprechen komme, sei mir noch ein kurzer Rückblick auf die französische Revolution erlaubt; denn ohne diese können wir die napoleonische Zeit und die erste deutsche (blutige) Revolution von 1848 nicht verstehen. Politisch gesehen war die Situation vor der französischen Revolution ähnlich der Situation in den meisten anderen europäischen Staaten. Frankreich war eine absolute Monarchie, geführt von König Ludwig XVI. aus dem Hause der Bourbonen. Seine Stütze im Staate waren Armee, Adel und der Klerus. Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts erlebte Frankreich jedoch eine Zeit des raschen sozialen und wirtschaftlichen Wandels. Die schweren Finanz- und Wirtschaftskrisen, die etwa ab 1778 eintraten, führten zum Macht- und Autoritätsverlust der Krone und damit schließlich zu der Revolution. Am 14. Juli 1789 marschierte eine größere Menschenmenge zur alten Festung, der Bastille – alles weitere dürfte hinreichend bekannt sein. Der Fall der Berliner Mauer mit dem Ruf nach Freiheit, dem das alte DDR-Regime nichts entgegen zu setzten hatte, erinnert sehr an die Geschehnisse in Paris vor 220 Jahren, nur dass diesmal alles unblutig verlief. Wagner war 4 Jahre alt, als in Frankreich die neue Zeit anbrach. Dies noch einmal zur zeitlichen Einordnung.

Prof. Wagner ist nur 53 Jahre alt geworden. Als Todesursache wird in der Diplomarbeit von Joachim Hornig Komplikationen eines chronischen Magenleidens angenommen. Er hinterließ eine 45jährige Witwe mit sieben Kindern sowie Schulden im Zusammenhang mit dem Hauskauf in der Friedrichstrasse. Der älteste Sohn wurde 1857 auf den Lehrstuhl für Chirurgie nach Königsberg berufen, 1866 war er dort sogar Prorektor. Der Gerichtsmediziner Wagner war über vier Studienjahre Dekan an der medizinischen Fakultät der Berliner Universität. In dem Buch „Gelehrtenbildnisse der Humboldt-Universität zu Berlin“, herausgegeben von Angelika Keune, findet sich von ihm das Portrait (Lithographie) eines unbekannten Künstlers. Im Text dazu heißt es u. a.: „Chirurg und Staatsarzneikundler; arbeitete auf dem Gebiet der gerichtlichen Medizin und Staatsarzneikunde und machte sich um die Institutionalisierung der gerichtlichen Medizin an der Universität verdient, initiierte und gründete 1833 das Institut für Staatsarzneikunde an der Berliner Universität; erwarb sich besondere Verdienste um die Erforschung der Cholera; Mitherausgeber des „Archivs für medizinische Erfahrungen“ von E. Hörn und des „Cholera Archivs“, in denen er zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten veröffentlichte“. Und zu seinem kurz gefassten Lebenslauf lesen wir: „1819 Privatdozent, 1820 a.o. Professor für Staatsarzneikunde, 1826 Professor für Staatsarzneikunde und gerichtliche Arzneikunde, ferner 1815 General-Stabsarzt in den Befreiungskriegen, Mitglied der wissenschaftlichen Deputation für das Medizinalwesen, 1820/21 Forschungsreise nach Großbritannien, 1845 a.o. Professor an der medizinisch-chirurgischen Akademie für das Militär“. Wagner war Doktor der Medizin und Doktor der Philosophie.

Das Jahr 1813 war gekennzeichnet durch den Beginn des deutschen Befreiungskrieges gegen die napoleonische Fremdherrschaft, nachdem Napoleon 1812 eine empfindliche Niederlage gegen Russland erfuhr. Nach den Frühjahrsgefechten wurde in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 das Ende der napoleonischen Herrschaft endgültig eingeleitet. Nach Vereinigung der Truppen unter Wellington und der unter von Blücher konnte Napoleon endgültig geschlagen werden. Wagner erhielt für seine Verdienste als Brigadearzt die Waterloo-Medaille. 1832 erhielt Wagner vom russischen Zaren einen Brillantring als Anerkennung – ich vermute als Anerkennung um die Bekämpfung der Cholera; denn in diesen Jahren hat er auch mehrfach über die Cholera wissenschaftlich publiziert. Auch gibt es eine Parallele zur Familie meiner Frau: Ihr Großvater hat aus Dankbarkeit für eine medizinische Behandlung (Ruhr?) vom russischen Zaren eine Kette mit einem Verschluss bekommen, wobei der Verschluss mit Brillanten besetzt war. Dieser ist dann später zu einer Brosche verarbeitet worden, ein Teil der Brillanten zu einem Ring. Der mit Brillanten besetzte Ring befindet sich noch heute im Besitz meiner Frau. Promoviert hat der Großvater meiner Frau wie auch später sein Sohn und noch später unser Sohn an der Berliner Universität – ich selbst auch, genauer gesagt bei unserem Mitglied, Prof. Krauland mit einer Arbeit über die Diatomeenprobe beim Ertrinkungstod.

 

Nachzutragen wäre noch, dass Wagners Verdienst für die Gerichtsmedizin weniger im Bereich der wissenschaftlichen Entwicklung unseres Faches lag, als vielmehr bei deren Institutionalisierung und der damit verbundenen Anhebung des öffentlichen Ansehens des Faches und der dadurch möglichen Unterrichtung an tatsächlichen gerichtsmedizinischen Fällen. Er, Wagner, sah nie die Gerichtsmedizin für sich allein, sondern immer als Teil der Staatsarzneikunde, die er den zukünftigen Physici, den damaligen Kreisärzten, nahe bringen wollte. Sein Wunsch nach einem richtigen Institutsgebäude blieb allerdings unerfüllt. Erst 1886 konnte dieser Wunsch Wirklichkeit werden. Ich will nicht vorgreifen, aber das mit der räumlichen Unterbringung der Gerichtsmedizin bzw. der Rechtsmedizin hatte eigentlich auch alle nachfolgenden Lehrstuhlinhaber immer wieder aufs Neue beschäftigt. Bei meinem Ausscheiden Ende 2006 lag die Einstandort-Lösung für das fusionierte Universitätsinstitut und das Landesinstitut schon zum Greifen nahe – die Chance scheint mein Nachfolger aber offensichtlich nicht konsequent genug ergriffen zu haben. Ich hätte ihm schon einige Ratschläge geben können, aber wenn man offensichtlich meint, die Rechtsmedizin mit der Rufannahme neu erfinden zu müssen, dann darf man sich später nicht wundern, wenn dann doch nicht alles so verlaufen ist, wie es wünschenswert gewesen wäre. Bei Wagner war das ganz anders. Er fing ja hier in Berlin sozusagen bei „Null“ an. Das war eine Zeit, in der, wie man nachlesen kann, Leichen noch mit einem Handwagen in das Sektionshaus gebracht wurden, mitunter ist sogar in den Wohnungen obduziert worden.

Wie es damals zuging, lesen wir in den „Notizen aus dem Gebiete der Natur- und Heilkunde“ des Jahres 1833 (Nr. 798). Dort heißt es: „Eine praktische Unterrichtsanstalt für die Staatsarzneikunde ist in Berlin errichtet und unter der Leitung des Stadtphysicus Professor Dr. Wagner eröffnet worden. Die Untersuchungen an lebenden Personen findet zu unbestimmten Zeiten, die Untersuchungen an Leichnamen Mittags 12 Uhr, teils in dem Obductionshause, theils in dem Charité-Krankenhause statt. (Die Studirenden müssen hierbei zuvor, in Gegenwart des Inquirenten, dem Physicus mittelst Handschlags Verschwiegenheit über das Ergebniß des vorzunehmenden gerichtlichen Geschäfts angeloben, wenn nicht der Inquirent im einzelnen Falle Gründe hat, die Zulassung zu verweigern). Die Untersuchungen lebloser Substanzen geschehen, in der Regel, von dem Physicus und einem Chemiker in dessen Laboratorium. Zweimal wöchentlich finden zwischen den Lehrern und den teilnehmenden Studirenden in einem Auditorio des Universsitätsgebäudes Zusammen-künfte statt zu Erörterungen, es werden Gutachten ausgearbeitet, und die Studirenden erhalten von Zeit zu Zeit Gelegenheit, sich zu allen Physicatsgeschäften selbst zu üben“.

Nach dem Tode Wagners 1846 blieb die Leitung der Universitätsanstalt für Staatsarzneikunde 4 Jahre vakant. Erst 1850 wurde sie Casper (Mitglieds-Nr. 60) übertragen. Dieser hatte doch kontinuierlich die Lehre des Faches fortgesetzt. Und wenn man berücksichtigt, dass er seit 1825 dieses Fach vermittelte und seit 1841 das Amt des Gerichtsphysikus bekleidete, dann fällt die Erklärung dafür schwer. Da die Entscheidung beim Kultusministerium lag, muss man davon ausgehen, dass der Kultusminister selbst nur ein begrenztes Interesse am Erhalt der Unterrichtsanstalt hatte. So muss es Casper als Verdienst angerechnet werden, ein wichtiges Werk Wagners fortgeführt und weiterentwickelt zu haben, so Hornig. Man fragt sich, ob die Vakanz möglicherweise auch im Zusammenhang mit den Unruhen zu sehen ist – Stichwort: Revolution von 1848.

Wie dachte Johann Ludwig Casper politisch? Im Begleittext zu der Ausstellung „Preußische Bildnisse des 19. Jahrhunderts – Zeichnungen von Wilhelm Hensel“ lesen wir u.a.: Casper wurde als Sohn eines jüdischen Baumwolldruckers geboren. Zunächst bereitete er sich auf den Apothekerberuf vor, studierte dann aber Medizin in Berlin, Göttingen und Halle, wo er 1819 promovierte. 1824 in Berlin habilitiert, wurde er bereits 1825 Extraordinarius und Medizinalrat im Brandenburgischen Medizinalkollegium, gab von 1823 bis 1833 ein Repertorium für die gesamte Medizin heraus und wurde 1839 Ordinarius und 1841 Gerichtsphysikus der Stadt Berlin. Er war mehr Praktiker als Theoretiker, auch waren seine wissenschaftlichen Arbeiten und seine Tätigkeit an der Universität „mehr der sozialen Seite der Medizin, ihrer Anwendung auf Staat und Gesellschaft gewidmet“. Er hatte eine gut gehende Privatpraxis, zu seinen Patienten gehörte auch die Familie Hensel sowie Varnhagen von Ense und dessen Frau Rahel, mit der Casper durch seine Frau Fanny verwandt war. Besonders enge Beziehungen bestanden zu Felix Mendelssohn. Im August 1848 berichtete Casper Hedwig von Olfers, mit Varnhagen könne man eigentlich nicht mehr verkehren, er sei „ein so toller Republikaner“, dafür vermerkte Varnhagen, Casper hätte in den Märztagen 1848 „ganz den Kopf verloren“ und einen Arbeitersturm „mit angstvollem Schrecken“ befürchtet.

Über Rudolf Virchow, der die gerichtliche Medizin wissenschaftlich wohl nicht besonders hoch eingeschätzt hat, wissen wir mehr über sein politisches Denken in jener Zeit. 1848 war er 27 Jahre alt. Während der Märzrevolution kämpfte er auf Seiten der Demokraten. Sein Postulat: Ohne volle und uneingeschränkte Demokratie könne es keinen Wohlstand und keine Gesundheit geben. Aufgrund seines radikaldemokratischen Engagements wurde seine Stellung an der „Königlichen Charité“ unhaltbar. 1849 folgte Virchow einem Ruf nach Würzburg, wo er – gegen das Versprechen, sich nicht mehr politisch zu betätigen – den ersten Lehrstuhl für Pathologische Anatomie in Deutschland übernahm. In Würzburg zur Berühmtheit gelangt, holte Berlin Virchow 1856 schließlich auf einen eigens für ihn an der Berliner Universität geschaffenen Lehrstuhl für Pathologische Anatomie zurück. Auf dem Charité-Gelände wurde ein Institutsneubau errichtet – das erste Berliner Pathologische Institut. 1861 gehörte Virchow zu den Mitbegründern der Deutschen Fortschrittspartei. Er gehörte zu den schärfsten Kritikern Bismarcks. Die Auseinandersetzungen führten soweit, dass Bismarck ihn 1865 zum Duell forderte. Virchow lehnte aus prinzipiellen Gründen einen Zweikampf ab. Von 1880 bis 1893 war Virchow Mitglied des Deutschen Reichstages, wo er sich besonders für den Aufbau einer staatlichen Gesundheitsfürsorge einsetzte. Am 5. September 1902 starb er – hoch geehrt – in Berlin. Warum ist eigentlich Virchow nie Mitglied der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde geworden?

Ich komme noch einmal zurück auf die Burschenschaften. Sie entstanden nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Historiker schätzen, dass bis zu 50 Prozent der Studenten an diesen Kriegen teilnahmen. Zwar konnten nur etwa 5 Prozent der Gesamtzahl der Kriegsfreiwilligen als Studenten gelten, aber keine gesellschaftliche Gruppe hatte einen so hohen Anteil an Freiwilligen. Aus den Freiheitskriegen an die Universitäten zurückgekehrt, setzten sie sich danach in der Zeit der Restauration und des Wiener Kongresses für die Abschaffung der deutschen Kleinstaaterei und die Schaffung eines gesamtdeutschen Reiches unter einer konstitutionellen Monarchie ein. Der vaterländische Gedanke war eine Idee, für die sich sehr viele Studenten begeistern konnten. Um diese Gesinnung der ganzen Welt mitzuteilen, lud die Jenaer Burschenschaft Vertreter der deutschen Universitäten auf die Wartburg bei Eisenach ein, um dort am 17. Oktober des 300. Jahrestages des Thesenanschlages Martin Luthers am 31. Oktober 1517 und zugleich des Sieges über Napoleon in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813 zu gedenken. An dem Fest nahmen über 500 Studenten aus ganz Deutschland teil.

Heinrich Heine, selbst Burschenschaftler, äußerte sich aber später sehr kritisch über das Wartburgfest. Heine schrieb: „Auf der Wartburg hingegen herrschte jener unbeschränkte Teutomanismus, der viel von Liebe und Glaube greinte, dessen Liebe aber nichts anderes war als Hass des Fremden und dessen Glaube nur in der Unvernunft bestand und der in seiner Unwissenheit nichts Besseres zu erfinden wusste, als Bücher zu verbrennen. Was viele vielleicht nicht wissen: wegen Verstoßes gegen das Keuschheitsprinzip ist Heine aus der Burschenschaft ausgeschlossen worden.

Zwei Jahre nach dem Wartburgfest kam es zu einem Mord – und da spitzt natürlich der Rechtsmediziner wieder seine Ohren. Was war geschehen? 1819 ermordete der Theologie-Student und Burschenschaftler Karl Ludwig Sand den Schriftsteller und angeblichrussischen Agenten August von Kotzebue, dessen Werk „Geschichte des deutschen Reichs“ schon beim Wartburgfest verbrannt worden war. Sein Attentat bot den zum Bundestag in Karlsbad versammelten Regierungen des Deutschen Bundes einen willkommenen Anlass, strenge Verbote jeder studentischen Organisierung zu beschließen. In diesen Karlsbader Beschlüssen wurde festgelegt, dass für jede Universität ein „landesherrlicher Bevollmächtigter“ zu ernennen sei, der vor Ort genau kontrolliert, ob die Professoren den Studenten politisch unliebsame Ideen vermittelten. Man erinnert sich an die Humboldt-Universität zu DDR-Zeiten (Stichwort: Parteisekretär).

Die Ermordung Kotzebues beschreibt Peter Merseburger in seinem Buch „Mythos Weimar – zwischen Geist und Macht“ wie folgt: „Die Reise führt über Eisenach, wo Sand Station macht, noch einmal auf die Wartburg steigt und sich von der Erinnerung an die begeisternden Tage des großen Fests vor anderthalb Jahren inspirieren lässt. Im Gepäck befinden sich Gedichte des gefallenen Lützowers Theodor Körner, das Johannes-Evangelium und ein zwölf Zoll langer Dolch. Am 23. März 1819 lässt er sich bei Kotzebue melden, gibt vor, aus dem kurländischen Mitau zu stammen und einen Brief von Freunden des Dichters zu überbringen. Nur wenige Augenblicke stehen sie sich gegenüber, der berühmte Weltmann und Stückeschreiber im grauen Frack und der Theologie-Student und religiös-vaterländische Fundamentalist, der mit Gottes Hilfe die Flammen der vaterländischen Begeisterung am Lodern halten will, in altdeutscher Tracht mit gestricktem Spitzenkragen und langen, in der Mitte gescheitelten Haaren. Dann zückt der Attentäter seinen Dolch und sticht dreimal zu – ins Gesicht, wo die Klinge im Oberkiefer stecken bleibt; in die linke Brust, wobei Herzbeutel und Lungenarterien verletzt werden; schließlich in die Lunge. Als der „Verräter des Vaterlands“ tödlich getroffen am Boden liegt, sucht Sand sich durch mehrere Dolchstiche selbst das Leben zu nehmen, nicht ohne zuvor zu beten und Gott für den Sieg zu danken, den er über undeutsche, frivole Verderbtheit davongetragen habe. Der Selbstmordversuch misslingt und der wieder genesende Attentäter wird auf einer Wiese bei Mannheim öffentlich durch das Schwert hingerichtet“. Das Tatgeschehen in seiner perfiden Durchführung erinnert einen an den Mord an dem Berliner Kammergerichts-präsidenten Günter von Drenkmann 1974. Diesen heimtückischen Mord habe ich auch in meinem Buch „Brisante Fälle auf dem Seziertisch“ mit aufgenommen.

Nach der Juli-Revolution in Paris von 1830 gewann die Demokratiebewegung in Deutschland wieder an Fahrt. Nach und nach wurden die Verbote der Karlsbader Beschlüsse in vielen deutschen Staaten wieder gelockert. Auf dem Hambacher Fest 1832 – das ist das Jahr, in dem Prof. Wagner den mit Brillanten besetzten Ring vom russischen Zaren bekam – forderten die etwa 30.000 Teilnehmer Freiheit, Demokratie und die Einheit Deutschlands. Die Farben der Burschenschaft Schwarz-Rot-Gold wurden hier erstmals auch von Nicht-Studenten verwendet und schließlich zum Symbol des deutschen Strebens nach Einheit und Demokratie. 1848 wurden sie darum zu Farben des Deutschen Bundes und später zur Staatsflagge der Weimarer Republik, der Bundesrepublik Deutschland und auch der DDR. Nach der „Wende“ wurden Hammer und Sichel einfach herausgeschnitten.

In der Sammlung „Deutsche Ärztebriefe des 19. Jahrhunderts“, herausgegeben 1975 von unserem Mitglied Stürzbecher, findet sich ein interessanter Brief unseres Mitglieds Casper aus Paris vom 23. August 1830 an Altenstein. Dort heißt es: „Was Preußen, was seine, ruhig auf dem Wege geistiger Freiheit fortscheitende Regierung, was Ew. Excellenz, der einen der wichtigsten, dahin zielenden, Verwaltungszweige in Seinen Händen hat, sind, davon kann man sich aufs Neue u. Lebhafteste überzeugen wenn man die „Revolution der drei Tage“ mit erlebt hat, u. ihre Folgen noch stündlich sieht. Es ist eine ungeheure Umwälzung geschehen. Der Wechsel der Dynastie ist nur das auf der Höhe schwebende, u. darum vielleicht Sichtbarste, gewiß nicht das Wichtigste an sich. Wie dieses Volk sich benommen, wie es sich in fortwährender (wenn auch jetzt nur freudigster) Aufregung noch täglich benimmt, dies wird ihm noch lange die Bewunderung Europas zusichern“.

Jetzt kommen wir zu dem Zeitabschnitt, in dem Prof. Casper die gerichtliche Medizin hier in Berlin vertrat. Über ihn liegt eine Doktorarbeit von Annemarie Mittag aus Dresden vor. Sie ist bereits vor 50 Jahre verfasst worden mit dem Titel „Johann Ludwig Caspers Leben und Wirken – 1796−1864“. In unserem Rahmen interessant zu lesen, dass Casper, der mit 20 Jahren an die Berliner Universität gekommen ist, u. a. auch bei Karl Asmund Rudolphi (Mitglieds-Nr. 21) gehört hat. Hier und heute über Rudolphi zu sprechen, hieße Eulen nach Athen tragen. Interessant zu lesen, dass Casper auch korrespondierendes Mitglied der Niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Bonn war. 1824 erfolgte die Habilitation für Pathologie und Staatsarzneikunde an der Friedrich-Wilhelm-Universität. Ein Jahr später erfolgte die Ernennung zum a.o. Professor. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt. In der Doktorarbeit erfährt man weiter, dass er sich erst in der zweiten Hälfte seines Lebens fast ausschließlich der Gerichtsmedizin zuwandte, wodurch er in Europa bekannt und in Berlin geradezu populär geworden ist (anders als ein vor wenigen Jahren Berufener, der schon bald nach seiner Rufannahme von sich behaupten lässt, dass er zu den bekanntesten Rechtsmedizinern Deutschlands gehört). Mit Recht, so Mittag weiter, kann gesagt werden, dass mit dem Wirken Caspers in Berlin eine neue Periode der Gerichtsmedizin in Deutschland begann. Er war für Deutschland das, was Orfila und Tardieu für Frankreich waren.

Casper – und das soll ihm erst einmal einer nachmachen – hinterließ ein Großteil seines Vermögens der Friedrich-Wilhelm-Universität. Es ging ein in die Caspersche Stiftung. Die Stiftung begründete er damit, dass auf diese Weise eine größere Summe Geldes, ungeteilt einem bestimmten Zweck zugeführt, bedeutend mehr Nutzen stiften kann, als ein an so und so viele Seitenverwandte zerstückeltes Kapital. Zur Stiftung gehörten auch Fonds zur Unterstützung unbemittelter Studenten, Professoren-Witwen und unverheirateter Professoren-Töchter. Den wesentlichen Teil der Stiftung erbrachte der Erlös aus dem Verkauf des Grundstückes Bellevuestrasse 16, das für 1.700.000 Mark verkauft wurde. Er verband damit aber noch einen anderen Zweck. Dazu heißt es: „Zu dieser Stiftung soll mein Ölbild, ein anerkanntes Meisterstück von Prof. Franz Krüger, gehören. Ich erwarte von der Dankbarkeit der Universitätsbehörden, dass sie diesem Bilde zu meinem Gedächtnis und zur Nacheiferung für andere einen dauernden Platz in der Aula oder einem anderen angemessenen Raum im Kgl. Universitätsgebäude geben werden“. Casper wollte aber vor allem durch diese Stiftung den Beweis geben, wie sehr ihm das Wohl des Instituts am Herzen lag, an dem er so lange als Lehrer gewirkt hat. An der Militär-Akademie wurde jährlich am Stiftungstage an zwei würdige Eleven ein Preis verteilt. Der Preis trug den Namen seines Stifters (Casperscher Preis).

Die zitierte Doktorarbeit über Casper hat nicht nur 217 Seiten, sie enthält auch viel Lesenswertes – so, dass in der damaligen Zeit unter allen Ständen der ärztliche Stand die kürzeste Lebensdauer hatte, nämlich knapp 51 Jahre, während die Theologen fast 15 Jahre älter wurden. Vergleichszahlen aus der heutigen Zeit liegen mir nicht vor, nur dass unter Ärzten die Suizidrate besonders hoch ist, aber auch die Rate an Alkoholmissbrauch. Die politische Einstellung lässt sich aus der Doktorarbeit nicht erschließen. Casper muss aber damals in einer vergleichbar aufregenden Zeit gelebt habe, wie wir zur Zeit des Kalten Krieges und danach. Es waren eben Zeiten der politischen Umbrüche und so habe ich ja auch die Überschrift zu meinem Vortrag gewählt. Wie auch wir (Stichwort: Mauertote) hatte Casper offensichtlich auch Leichen zu untersuchen, die es eigentlich nicht hätte geben dürfen. Ich meine Leichen im Zusammenhang mit der 48er Revolution. Dazu möchte ich noch einmal Mittag zitieren: „Casper hatte am 20. März 1848 vierzehn Männer, fast alle im gleichen Alter (24 – 30 Jahre), in ganz gleichen früheren Lebensverhältnissen (Arbeiter) nebeneinander im Obduktionssaal untersucht. Die Männer fanden auf den Barrikaden alle zur gleichen Zeit denselben Tod durch Schusswunden“. Dabei stellte Casper fest, dass die Leichen-Veränderungen von Fall zu Fall unterschiedlich sein können, eine Beobachtung, die für die tägliche Arbeit schon von großer Bedeutung ist. In meinem Besitz befindet sich ein Lehrfilm über das Fortschreiten der Fäulnis-Veränderungen von Prof. Prokop, der ähnlichen Fragen nachgegangen ist. Zur Aufbahrung der März-Gefallenen gibt es ein unvollendetes Bild von Adolph Menzel. Es hängt in der Hamburger Kunsthalle.

Am 6. März 1848 kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen protestierenden Bürgern und dem Militär. Die genaue Ursache dieses Konflikts ist historisch nicht zu klären. Während der Verlesung des königlichen Patents werden nach anfänglich friedlicher Stimmung sozialrevolutionäre Parolen laut. Zwei Schüsse lösen sich, ob beabsichtigt oder aus einem Missverständnis, bleibt unklar. Es folgt ein Umschlagen der zuvor mehrheitlich positiven Stimmung der Demonstranten und der gezielte Einsatz des Militärs. Heftige Strassen- und Barrikadenkämpfe schließen sich an und fordern mehrere hundert Tote, nach Behördenangaben 303 Menschen, darunter 11 Frauen und 4 Kinder. Am 19. März lässt König Friedrich Wilhelm IV. die „Märzgefallenen“ auf dem Schlossplatz aufbahren und bekundet ihnen seine ehrende Anteilnahme. Der Friedhof der Märzgefallenen befindet sich in Berlin-Friedrichshain.

Bezüglich der vorrevolutionären Entwicklung wäre noch der Hinweis auf die Protestproklamation der „Göttinger Sieben“ (einer Gruppe von namhaften liberalen Universitätsprofessoren, darunter auch die Brüder Grimm – allerdings keine Mediziner) gegen die Aufhebung der Verfassung im Königreich Hannover angebracht. Das war 1837. Die Professoren wurden entlassen und einige von ihnen wurden des Landes verwiesen. Mut hatten die Professoren damals. Bei der „Wende“ 1989 verlief zwar alles friedlich ohne Blutvergießen, aber die Professoren und Dozenten hielten sich doch weitgehend zurück, soweit ich das aus Berliner Sicht beurteilen kann, zumindest als noch nicht abzusehen war, wie die „Revolution“ ausgehen würde. Dazu später mehr.

Ich komme jetzt zu Carl Liman (1818−1891). Er war der Neffe von Casper. Ob ihm das immer geholfen hat, sei dahingestellt. Mit Liman verbindet sich der Instituts-Neubau 1886. Damit ist das Institut in der Hannoverschen Strasse das älteste Institut Deutschlands. Angefangen hat das alles mit den unsäglichen Zuständen bei Wagner (Stichwort: Handwagen zum Leichentransport und Obduktionen in Wohnungen). Liman hatte lange Jahre als Praktischer Arzt, Geburtshelfer und Armenarzt in Berlin gewirkt, eher er gerichtlicher Physikus wurde und in die Unterrichtsanstalt für Staatarzneikunde, der sein Onkel Casper vorstand, eintrat. Als Nachfolger Caspers leitete er die Anstalt mehrere Jahrzehnte. Als ein Mann der Praxis maß er stets dem Unterricht in seinem Fach besondere Bedeutung zu. Auch über Liman liegt eine Doktorarbeit vor, nämlich von Brigitte Irro, eine Zahnmedizinerin, aus dem Jahre 1992. Betreut wurde sie von Prof. Strauch, der nach der Fusion neben Prof. Maxeiner einer der beiden Stellvertreter von mir wurde.

Über Limans Einstellung zur Revolution 1848/49 ist, so kann man lesen, kaum etwas bekannt. Die bedeutenden Ereignisse (Unruhen in Berlin seit dem 14. März 1848, erneute Einberufung des Vereinigten Landtages, Einsetzung eines neuen Ministeriums und einer Verfassung) spiegeln sich in Limans Biographie kaum sichtbar wider. Lediglich seine Entschuldigung, dass er die „Themata medico legales“ noch nicht bearbeitet habe, spricht für eine wie immer geartete Beteiligung am revolutionären Geschehen. Die Habilitation erfolgte 1861. Der eine Gutachter war Rudolf Virchow. Er äußerte sich insgesamt zurückhaltend kritisch. Virchow bemerkt: „Im Hinblick auf das Maß der Anforderungen, welche die Medizinische Fakultät seit längerer Zeit an Ärzte gestellt hat, die sich bei ihr als Dozenten zu habilitieren wünschen, erscheint es dem Referenten mindestens richtig zu sein, dass auch Herrn Liman die Erlaubnis nicht versagt werde, seine weiteren Proben abzulegen“. Immerhin hat Liman das „Handbuch der Gerichtlichen Medizin“ herausgegeben, das 1882 schon in der siebenten Auflage vorlag. Aber als sein Hauptwerk wird man den Neubau zu betrachten haben, der noch heute als ein stattlicher Bau zu betrachten, ja zu bewundern ist. Im Hinblick auf den außerordentlich hohen Sanierungsbedarf hat man sich aber nach der Fusion der beiden rechtsmedizinischen Universitätsinstitute (HU / FU) von ihm getrennt. Über die weitere Verwendung ist mir nichts bekannt. Ich habe vorgeschlagen, zumindest am Eingang eine Tafel anzubringen mit einem Hinweis auf die einst so angesehene Ausbildungsstätte, verknüpft mit den Namen Strassmann, Müller-Hess und Prokop. Die 250 Millionen Mark/DDR, eine Spende der SED-PDS an die Humboldt-Universität, hätte mehr als gereicht, um das marode Institutsgebäude zu sanieren. Man fragt sich, wozu diese Summe damals verwandt worden ist. Auch fragt man sich, ob diese Leistungen mit Gegenleistungen verbunden waren. Siehe hierzu: Hg. Bräutigam „Die Verschleierung von SED-Vermögen“ (Deutschland Archiv 43 (2010) 4, S. 628).

Am 22. Januar 1886 übernahm Liman den für die Zwecke des Forensischen Instituts bestimmten Teil der Morgue. Am 1. März 1886 wurde das Leichenschauhaus in öffentliche Benutzung übergeben. Für den Transport der Leichen war ein Wasserkraftfahrstuhl eingebaut. Die Gesamtkosten beliefen sich auf 360.550 Mark. Eine feierliche Übergabe fand nicht statt. Dies lag möglicherweise an den Misshelligkeiten, die in der Folgezeit auch immer wieder auftraten dadurch, dass Lehre und Forschung auf der einen Seite und der gerichtärztliche Dienst auf der anderen getrennt waren, ein Zustand, den ich erst 1995 beseitigen konnte. Damals wurde mir auf meinen Antrag hin das Leichenschauhaus sowohl räumlich als auch personell unterstellt. Querelen wie zwischen Prof. Krauland (Universitätsinstitut) und Dr. Spengler (Landesinstitut) waren damit auf einen Schlag beseitigt. Mir standen damit alle Leichen für Lehre und Forschung zur Verfügung, ein Zustand von dem Liman, wie man lesen kann, nur träumen konnte. Das liest sich in der Doktorarbeit folgendermaßen: „Ein schwerer Einschnitt in Limans Tätigkeit als Gerichtsarzt war das Verbot der Anwesenheit von Studenten bei gerichtlichen Sektionen, weswegen Liman sein Amt als Gerichtsarzt niedergelegt hat“.

Am 1. August 1878 wurde Liman das Kreuz der Ritter des Königlichen Hausordens der Hohenzollern verliehen. Anlass war die „Erste Hilfeleistung“ bei Kaiser Wilhelm I. nach dem Attentat am 2. Juni 1878. Über das Attentat selbst und seine Hilfeleistungen hat Liman einen sehr anschaulichen und detaillierten Bericht am 10. Juni 1878 an den Preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm (den späteren Kaiser Friedrich III.) geliefert. Liman war zufällig Zeuge des Attentats, als er sich in der Habeischen Weinhandlung Unter den Linden – es war 14 Uhr – aufhielt. Er begab sich unverzüglich in das Kaiserliche Palais Unter den Linden und leistete „Erste Hilfe“. Wir lernen daraus, dass man, in einer Weinstube sitzend, durchaus berühmt werden kann. Vielleicht sollte man sich gegen 14 Uhr häufiger in eine Weinstube begeben. Ob allerdings jeder Rechtsmediziner auch heute noch die Kunst der „Ersten Hilfe“ beherrscht, vermag ich nicht zu sagen. Nun aber Spaß beiseite. Anlässlich seines 70. Geburtstages am 16. Februar 1888 wurde das Wirken Limans in der Voss´schen Zeitung gewürdigt. Liman stirbt am 22. November 1891 in seiner Wohnung, für seine Umgebung völlig unerwartet. 1899 wurde durch Freunde und Verehrer angeregt, zu Limans Andenken im Hörsaal der Unterrichtsanstalt eine Marmorbüste von ihm aufzustellen. Für diesen Zweck wurde zu einer Sammlung aufgerufen. Doch hat die eingegangene Summe nicht für eine Marmorbüste ausgereicht. Stattdessen wurde eine Bronzebüste im Oktober 1900 aufgestellt. Sie ist allerdings nicht mehr vorhanden. Über ihren Verbleib ist nichts bekannt. Die Aufstellung von Büsten scheint heute ganz aus der Mode gekommen zu sein. Das gleiche gilt auch für Bildnisse – eigentlich schade. In den osteuropäischen Ländern pflegt man sehr viel mehr diese akademischen Traditionen, wie ich mich mehrfach überzeugen konnte.

Abschließend noch einmal zurück zum Jahr 1886, als der Instituts-Neubau bezogen wurde. Im gleichen Jahr wurde auch die Freiheitsstatue in New York der Öffentlichkeit übergeben und im gleichen Jahr wurde Ludwig II. tot aus dem seichten Uferwasser des Starnberger Sees geborgen, genauer gesagt am 13. Juni abends zusammen mit seinem Arzt Dr. Gudden, mit dem er zuvor zu einem Spaziergang aufgebrochen war. Die Obduktion fand am 15. Juni zwischen 8 und 13 Uhr im Beisein von 13 Ärzten statt. Die Einbalsamierung war um 20 Uhr beendet. Vor einigen Jahren bin ich von einem Buchautor über die Todesursache befragt worden. In einer Besprechung des Buches (Der Spiegel 45/2007/S. 64) heißt es: „Und so hält der Berliner Gerichtsmediziner Volkmar Schneider die Todesursache „Ertrinken“ für zweifelhaft. Denn Schneider hat sich die Protokolle der Obduktion des Monarchen angeschaut“. Diskutiert werden in diesem Zusammenhang immer wieder auch tödliche Schüsse. Davon steht allerdings in den Akten nichts. Und so ranken sich um manche Leichen Legenden (Stichwort: Verschwörungstheorien – siehe hierzu auch mein Buch „Und Tote reden doch“).

Und damit bin ich bei Prof. Strassmann, aus einer jüdischen Familie stammend und ein ganz Großer in unserem Fach. Er zählt zu den Mitbegründern der Deutschen Gesellschaft für gerichtliche Medizin, er war auch der erste Vorsitzende dieser Gesellschaft. Über ihn liegt ebenfalls eine Doktorarbeit vor (Cathrin Menzel, HU, 1989). Des Weiteren gibt es noch die Lebenserinnerungen von Prof. Strassmann, die zum 100jährigen Jubiläum unserer Fachgesellschaft 2004 kommentiert herausgegeben werden sollten (Schneider, Geserick, Stürzbecher). Aus mir nicht erschließbaren Gründen ist dies bisher aber noch nicht geschehen. Unser Mitglied, Herr Dr. Dr. Stürzbecher weiß dazu sicher mehr.

Sehr lesenswert ist die Geschichte der Familie Strassmann, in einem Buch niedergelegt von W. Paul Strassmann mit dem Untertitel: „Schicksale einer deutsch-jüdischen Familie über zwei Jahrhunderte“. Zu dem Buch heißt es: „Die Strassmanns waren ganz und gar keine gewöhnliche Familie. Ihr Aufstieg beginnt, als der polnisch-jüdische Gelehrte Heiman vier seiner Söhne in Berlin Medizin studieren lässt. Einer von ihnen, Wolfgang Strassmann, wird in Berlin als liberaler Politiker nach 1848 von den einen verehrt, von den anderen, wie dem antisemitischen Hofprediger Adolf Stoecker, verpönt. Fritz Strassmann etabliert im Kaiserreich die Gerichtsmedizin als wissenschaftliche Disziplin. Paul Strassmann errichtet eine Frauenklinik und seine Tochter Antonie ist die Verkörperung der „Neuen Frau“ der 20er Jahre – als Schauspielerin und Fliegerin wird sie bekannt und hat Affären unter anderem mit Kronprinz Wilhelm von Hohenzollern, mit der Fliegerlegende Ernst Udet und dem Schauspieler Rudolf Forster“. W. Paul Strassmann lässt anhand der Biographie seiner Familie 200 Jahre deutsch-jüdischer Geschichte lebendig werden – vom sozialen Aufstieg im 19. Jahrhundert über die gewaltsame Vertreibung und Ermordung nach 1933 bis zur Emigration und Neuanfang.

Zurück zu Fritz Strassmann, dem Gerichtsmediziner. Sein Vater war praktischer Arzt, seine Mutter stammte aus einer wohlhabenden Berliner Kaufmanns-Familie. Sein ältester Bruder Wolfgang gehörte dem Preußischen Abgeordnetenhaus an. Sein jüngster Bruder Ferdinand wurde später Ehrenbürger von Berlin. Sein Sohn Georg wurde auch Rechtsmediziner. Bevor er in die USA emigrierte, war er a.o. Professor in Breslau. Der jüngste Sohn Reinhold wurde Mathematiker. Seine Lebensspur lässt sich nur noch bis zu seiner Deportation nach Auschwitz 1944 verfolgen. Dies zu erleben blieb Fritz Strassmann erspart. Er verstarb 1940. Sein Grab befindet sich auf dem Südwest-Kirchhof Stahnsdorf bei Berlin. Anlässlich der Jahrestagung unserer Gesellschaft 1992 in Berlin haben wir, Herr Kollege Geserick – auch Mitglied unserer Gesellschaft (Mitglieds-Nr. 628) – und ich, den Grabstein wieder herrichten lassen.

Über die letzten Lebensjahre schreibt die Doktorandin: „In seiner letzten Amtsperiode wurde Strassmann zunehmend mit dem aufkommenden Faschismus konfrontiert. Die militärische Niederlage im 1. Weltkrieg, die Novemberrevolution von 1918, die politische und wirtschaftliche Instabilität der Nachkriegsjahre und schließlich die Inflation ließen den Antisemitismus, der sich schon in den letzten Kriegsjahren gezeigt hatte, in bisher unbekanntem Umfang anschwellen. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 war das erste Gesetz, das die Judenemanzipation rückgängig zu machen begann. Am 4. Dezember trat Strassmann gemeinsam mit seiner Ehefrau aus dem Judentum aus. Im Dezember 1935 musste Strassmann allerdings eine dienstliche Erklärung abgeben, dass alle seine Großeltern jüdischer Abstammung waren und der jüdischen Religionsgemeinschaft angehört haben. Am 22. Februar 1936 teilte der Rektor der Universität Fritz Strassmann mit, dass ihm mit Ablauf des 31. Dezember 1935 die Lehrbefugnis an der Universität entzogen wurde“.

Strassmann war Mitglied vieler wissenschaftlicher Gesellschaften. Er war Ehrendoktor der Universität Edinburgh (Doctor of Laws). Er trug den Titel „Geheimer Medizinalrat“ und war u. a. Träger des Roten Adlerordens. Sein „Lehrbuch der Gerichtlichen Medizin“ aus dem Jahre 1895 lag auch in russischer Übersetzung vor. Ein Exemplar ist mir von Herrn Kollegen Popov aus St. Petersburg anlässlich der 100-Jahr-Feier 2004 im Harnack-Haus in Berlin-Dahlem übergeben worden. Nachzutragen wäre noch, dass Strassmann im gleichen Jahr gestorben ist, in dem ich geboren worden bin.

Einer der politisch bedeutendsten Fälle, an denen Professor Strassmann in seiner Eigenschaft als Gerichtsmediziner beteiligt gewesen ist, war die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg 1919. Als Sachverständiger wurde er vor das Feldkriegsgericht berufen, um über die Obduktion Karl Liebknechts zu berichten und um ein psychiatrisches Gutachten über den Husaren der Garde-Kavallerie-Schützen-Division Runge abzugeben, der beschuldigt wurde, Rosa Luxemburg durch Kolbenhiebe schwer verletzt zu haben. Der Prozess fand vom 6. bis 14. Mai 1919 vor dem Kriegsgericht in Moabit statt. Die Leiche der Rosa Luxemburg war zu diesem Zeitpunkt noch nicht gefunden. Sie wurde erst am 31. Mai im Landwehrkanal entdeckt und am 3. Juni in Zossen obduziert. Zweiter Obduzent neben Strassmann war Prof. Fraenckel. Warum nun mein Nachfolger Prof. Tsokos behauptet, die beiden Berliner Professoren hätten an einer „Fälschung“ mitgewirkt – sie hätten damals 1919 gar nicht die Leiche der Rosa Luxemburg untersucht – wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Es drängt sich der Verdacht auf, dass er sich mit dieser Schlagzeile, sie sich zu einem „Medienrummel“ über Monate entwickelt hat, profilieren wollte. Er hat damit dem Ansehen von Rosa Luxemburg geschadet, er hat damit die Reputation der Professoren Strassmann und Fraenckel beschädigt und damit hat er auch weder der Charité noch der Rechtsmedizin im Allgemeinen noch der Rechtsmedizin hier in Berlin im Besonderen einen Dienst erwiesen – im Gegenteil. Auch war er nicht der erste, der sich mit der kopflosen Fettwachsleiche aus der Charité (Rechtsmedizin) befasst hat. Sowohl Herr Klaus Gietinger, Autor des Buches „Eine Leiche im Landwehrkanal“ wie auch ich selbst sahen uns veranlasst, diese Ungeheuerlichkeit wieder richtig zu stellen. Die noch vorhandenen Unterlagen aus dem Militär-Archiv in Freiburg (Obduktionsbericht mit dem vorläufigen Gutachten, abschließendes Gutachten unter Einbeziehung der histologischen Befunde, Lichtbilder von der Leiche, sowie die Zeugenaussagen) lassen gar keinen Zweifel daran, dass 1919 die „richtige“ Leiche obduziert worden ist. Tsokos ist bis heute den Beweis schuldig geblieben, dass die Museumsleiche (kopflose Fettwachsleiche) die Leiche der Rosa Luxemburg sei. Es wurde sogar noch der Verdacht ausgesprochen, dass sich der Schädel von Rosa Luxemburg noch heute in der Sammlung des Instituts befinde. Hier wurde aus einem Gerücht eine Gewissheit, ohne den Beweis dafür anzutreten. Was Tsokos damit aber reichlich bewirkt hat: Schlagzeilen im In- und Ausland und dies, wie gesagt, über Monate. All das mündete in die Feststellung, Tsokos sei der „bekannteste“ Rechtsmediziner Deutschlands, ein „Star“ in seiner Zunft. Hier hat offenbar eine PR-Agentur mächtig nachgeholfen. Medienpräsenz ersetzt aber keine Wissenschaft. Prof. Strassmann hat es wahrlich nicht verdient, wie mein Nachfolger heute mit ihm umgeht.

Menzel schreibt sicher zu Recht: „Die zielgerichtete Entwicklung der Gerichtsmedizin und der Ausbau der 1833 gegründeten Unterrichtsanstalt war das Lebenswerk von Fritz Strassmann. Während seiner beruflichen Laufbahn war ihm große Anerkennung zuteil geworden. Zum Zeitpunkt seines Todes herrschte in Deutschland die faschistische Diktatur. Deshalb erfuhr das Wirken Fritz Strassmanns, der jüdischer Herkunft war, in dieser keine angemessene Würdigung“. Erst zu seinem l00sten Geburtstag erschienen drei Beiträge in der Fachpresse. In diesem Jahr sollten wir seines 70sten Todestages gedenken. Tsokos, der ja durch seine Berufung auf den Berliner Lehrstuhl in seiner Nachfolge steht, tut dies auf seine Art.

 

Der auf Prof. Strassmann folgende Institutsdirektor war Victor Müller-Heß (1883−1960). Über ihn liegen sowohl eine Diplomarbeit (Steffen Frommherz) aus dem Jahre 1991 wie auch eine Doktorarbeit (Gregor Jeske) aus dem Jahre 2008 vor. Die Diplomarbeit wurde von Herrn Doz. Dr. Wirth vom Fachbereich Kriminalistik der Humboldt-Universität betreut, die Doktorarbeit von Frau Doz. Dr. Brinkschulte aus dem Institut für Geschichte der Medizin der Charité, Campus Benjamin Franklin (jetzt Professorin in Magdeburg). Der Tenor der beiden Arbeiten unterscheidet sich grundsätzlich. In der Diplomarbeit (Ost-Berlin) erfährt man viel Kritisches. Offenbar nahm man Müller-Heß immer noch übel, die alte Charité 1949 verlassen zu haben, um den Ruf an die neu gegründete Freie Universität anzunehmen. Damit gingen auch viele Mitarbeiter mit an die FU, im Charité-Institut entstand ein „personelles Vakuum“, das erst durch die Berufung von Prof. Prokop im Jahre 1957 behoben werden konnte. Dazu später mehr. In den Thesen zur Diplomarbeit heißt es u. a.: „Er (Müller-Heß) verließ seine langjährige Wirkungsstätte in einer „Nacht- und Nebelaktion“ unter Mitnahme von Büchern, Akten und Geräten“. Man hätte hierzu allerdings gerne Genaueres erfahren. Auch wird in der Arbeit mehrfach auf den Verdacht amtlicher Verfehlungen hingewiesen. Auf der anderen Seite werden die Verdienste aber auch nicht geschmälert. Und so liest man: „Sein Institut wurde schnell zum größten und leistungsfähigsten Institut im Rheinland und in Westfalen“. Müller-Hess wurde 1929 stellvertretender Leiter des Instituts in Königsberg, wurde dann zwei Jahre später nach Bonn berufen und folgte schließlich 1930 einem Ruf nach Berlin. Und weiter: „Mit seiner Berufung vollzogen sich einschneidende Veränderungen organisa-torischer, baulicher, administrativer und personeller Art. So ging das Haus „Hannoversche Straße 6“ – es trägt heute den Namen „Strassmann-Haus“ – schon 1930 vollständig in den Besitz der Universität über und die Kompetenzen zwischen dem Institut und der Polizei wurden eindeutig zugunsten des Instituts geklärt. Das Institut gewann immer mehr an Bedeutung. Aus seiner Schule sind 17 Habilitierte und 6 Ordinarien hervorgegangen. Das Hauptgebiet des wissenschaftlichen Wirkens von Müller-Heß war von Anfang an die Psychiatrie, wobei er vor allem die Ursachen und Auswirkungen der Jugendkriminalität erforschte und neue Wege zur Resozialisierung erarbeitete. Weitere Forschungsschwerpunkte waren die Suchtbekämpfung, die Blutgruppenforschung, sowie Fragen der Gesetzgebung und der Versicherungsmedizin“.

Der Wechsel an die Freie Universität kam für die Vertreter der Charité offensichtlich sehr überraschend. In seinem Schreiben an den Dekan gibt Müller-Heß u. a. die neue Habilitationsordnung als Grund an. Er schreibt: „Diese erschüttert die Grundfundamente des bisherigen Wesens der deutschen Universitäten und die Heranbildung freier wissenschaftlicher Forscher und Hochschullehrer auf das Schwerste, insbesondere wenn man in diesem Zusammenhange an die derzeitige Zulassungsordnung zum Universitätsstudium und Staatsexamen sowie die Art der praktischen Durchführung dieser Bestimmungen denkt“. Aus dieser Denkweise ist ja schließlich die Freie Universität entstanden. Ihre Gründungsgeschichte gereicht der deutschen Universität zur Ehre. Aber nicht alle dachten so. Auch gab es Berufungen von West nach Ost, selbst nach dem Volksaufstand in der DDR 1953. Als Beispiel sei hier Prof. Otto Prokop genannt, der 1957 von Bonn an die Charité ging, dessen wissenschaftliche Verdienste unbestritten sind.

Die Doktorarbeit von Jeske liest sich weniger polemisch. Sie setzt sich auch sehr viel fundierter mit der NS-Zeit auseinander, in der ja Müller-Heß als anerkannter Gerichtsmediziner auch tätig war. In den Schlussbetrachtungen lesen wir: „Auf Grund seiner indifferenten Haltung lässt er sich weder eindeutig dem Lager der Nationalsozialisten zuordnen noch ist er durch Beteiligung an NS-Verbrechen aufgefallen, aber er gehörte auch nicht zu den dezidierten Gegnern oder Widerstandskämpfern des NS-Systems. Müller-Heß hat in der NS-Zeit eine bedeutende Position innegehabt, somit muss er mitgemacht oder sich zumindest weitgehend arrangiert haben. Die Behauptung, dass Müller-Heß dem „faschistischen Staat“ treu ergeben war und er dessen Vertrauen besaß, scheint eher ein systembedingtes Produkt des Kalten Krieges zu sein und lässt sich nach dem, was bisher zusammengetragen werden konnte, nicht aufrechterhalten. Es gibt Hinweise dafür, dass Müller-Heß Gutachten erstellt hat, die nicht seiner Überzeugung entsprachen, um Menschenleben zu retten. Da die gerichtliche Medizin im NS-Staat zur Staatsmedizin gehörte, hat Müller-Heß als renommierter Vertreter seines Faches natürlich dem NS-Staat genützt“.

Eine ähnliche Betrachtungsweise drängt sich einem auch auf, wenn es um die Einschätzung unseres Faches und seiner Vertreter in der DDR geht. Joachim Gauck (Stichwort: Gauck-Behörde) – ich hatte ihn nach der Wende zu einem Gastvortrag in mein Institut eingeladen – schreibt, wenn auch in einem anderen Zusammenhang: „Warum ließen sich Menschen auf vertrauliche Kontakte zum MfS ein? Müssten nicht gerade kirchliche Führungskräfte, Intellektuelle oder Wissenschaftler von einer derartigen Zusammenarbeit am meisten abgestoßen sein?“ Der Fall „Professor Fink“, ehemals Rektor der Humboldt-Universität, wird von Gauck in seinem Buch „Winter im Sommer – Frühling im Herbst“ exemplarisch genannt. Wir lesen dort u. a.: „Nur engagierte Christen wussten, dass Fink in der DDR eine peinliche Systemnähe praktiziert hatte. Er, der IM Heiner, wurde 1968 angeworben und hatte bis zum 7. Oktober 1989, also dem bitteren Ende der DDR, über Studenten und Kollegen berichtet und sich für seine Leistungen mit Orden, Geldprämien und Geschenken auszeichnen lassen“. Vieles bleibt natürlich unaufgeklärt; denn man hatte ja ein Jahr Zeit (während der Modrow-Regierung), um seine Personalakte zu „säubern“. Und auch der neu gewählte Präsident der Humboldt-Universität,    Prof. Jan-Hendrik Olbertz, ist kürzlich in die Kritik geraten. In „Forschung und Lehre“ (8/10, S. 587) liest sich das so: Der Deutschlehrer Jan-Hendrik Olbertz wurde in Halle mit zwei Dissertationen (A: 1982, B: 1989) promoviert, die – wie unlängst an die Öffentlichkeit kam – einzuordnen sind als Propagandaschriften im Sinne der Direktiven des DDR-Volksbildungsministeriums unter Margot Honecker.

Müller-Heß vertrat seinen Lehrstuhl noch bis zum Anfang des Wintersemesters 1955/56, d.h. bis Prof. Krauland, aus Münster kommend, nach Berlin an die Freie Universität berufen wurde. 1952 wurde er zum Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für gerichtliche und soziale Medizin ernannt. Ein Jahr später bekam er von der Juristischen und von der Veterinärmedizinischen Fakultät der FU jeweils die Ehrendoktor-würde verliehen. Zu den spektakulären „politischen“ Prozessen während seiner Amtszeit und damit während seiner Zeit als medizinischer Gutachter gehört der „Fall Grünspan“. Ausgangspunkt war der Mord des Juden Grünspan an dem Gesandtschaftsrat Ernst von Rath im Jahre 1938 in Frankreich, so Frommherz. Letztlich kam es aber nicht zum Prozess. Und Ende 1939 erstellte Müller-Heß eine medizinische Expertise für den Volksgerichtshof in Berlin über den Schweizer Maurice Bavaud, der 1938 ein Attentat auf Hitler plante und 1941 hingerichtet wurde.

Jeske schreibt, dass seine Gespräche mit Prof. Strauch sehr aufschlussreich waren, der zuletzt nach der Emeritierung von Prof. Geserick von 2003 bis 2005 die kommissarische Leitung des Instituts für gerichtliche Medizin der Humboldt-Universität innehatte. Das ist so nicht ganz richtig; denn erstens trug damals das Institut schon den Namen „Institut für Rechtsmedizin“ und zum anderen war Prof. Strauch damals mein Stellvertreter. Mir oblag es, die beiden Universitätsinstitute (FU / HU) zu fusionieren. Wie ich allerdings später hörte, hatte ihm der damalige Dekan der Charité in Aussicht gestellt, dass man ihm die kommissarische Leitung zu übertragen die Absicht habe, bis meine Nachfolge geregelt sei. Durch Fakultätsbeschluss kam dann alles ganz anders, insbesondere ist das Dienstverhältnis von Prof. Geserick nicht verlängert worden. Hierzu habe ich mich schon einmal an anderer Stelle geäußert.

Mit 1955 (Berufung von Prof. Krauland – aus Münster) und 1957 (Berufung von Prof. Prokop – aus Bonn) waren wir mitten im Kalten Krieg. 1953 war der Volksaufstand und 1961 ist die Berliner Mauer gebaut worden. Ich selbst bin 1983 berufen worden (FU), Prof. Geserick 1987 (HU), 1989 fiel dann die Mauer. Danach gab es drei Institute im nicht mehr geteilten Berlin: Institut für Rechtsmedizin der Freien Universität, Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin (ehemals West-Berlin) und Institut für Rechtsmedizin der Humboldt-Universität/Charité (ehemals Ost-Berlin). Seit 2003 gibt es nur noch einen Lehrstuhl. 2007 hat mein Nachfolger sein Amt angetreten. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang noch ein Hinweis von Prof. Strauch an den Doktoranden, er möge doch im Rahmen seiner Doktorarbeit mal innerhalb der ehemaligen Unterlagen der Staatssicherheit recherchieren. Was war wohl der Anlass? Dazu schreibt Jeske: „Zwei Anfragen, die ich dazu am 30. Januar 2001 und am 9. August 2005 an die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik richtete, blieben erfolglos“.

In Vorbereitung auf diesen Vortrag habe ich noch einmal eine entsprechende Anfrage gestartet. Auslöser war ein Beitrag in der BZ vom 14. September 2009 über die Stasi-Verstrickungen der Charité („Wie tief steckt die Charité im Stasi-Sumpf?“). Dort liest man u. a.: „Zu Prof. Dr. Prokop unterhält unser Organ, vor allem die Hauptabteilung seit 1959 sehr gute Beziehungen, wobei er und auch die Mitarbeiter seines Instituts vielseitige Unterstützung gewähren. (…) Nach unserer Information würde er sich sehr über ein mehrteiliges Kaffeeservice (Meißener Porzellan) freuen“. Es ging dabei offensichtlich um ein Geburtstagsgeschenk. Prof. Bundschuh, ein ehemaliger Mitarbeiter von Prof. Prokop, berichtete unlängst, dass Geschenke auch in die andere Richtung gegangen sind (Prof. Prokop – Erich Mielke). Eine frühere Anfrage in eigener Sache bei der damaligen Gauck-Behörde ergab, dass über mich zwar eine Karteikarte vorliegt, Berichte hat man aber nicht gefunden. Ich habe die Sache dann aber nicht weiter verfolgt, insbesondere habe ich nicht versucht, die Decknamen zu entschlüsseln. Jetzt aber weiter, zunächst mit der gerichtlichen Medizin bzw. Rechtsmedizin im Westteil unserer Stadt. Wir nähern uns damit Zeiten, über die ich aus eigenem Erleben berichten kann.

Prof. Krauland (Mitglieds-Nr. 487) ist 1955 nach Berlin an die FU berufen worden. Er kam zwar aus Münster, sein Lehrer war aber nicht Prof. Ponsold sondern Prof. Meixner in Innsbruck. Er vertrat somit die „Österreichische Schule“ der gerichtlichen Medizin. Sein Hauptinteresse galt der forensischen Neurotraumatologie. Zwei größere Werke dazu liegen vor, die auch heute noch als Standardwerke angesehen werden können. Ich selbst habe anlässlich seines 65.Geburtstages eine Festschrift herausgegeben. Wie auch sein Vorgänger Müller-Heß war er Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin. Nach seiner Emeritierung ist er nach Österreich zurückgegangen, genauer gesagt nach Salzburg. 1968 sprach er in unserer Gesellschaft zu dem Thema: Zur Kenntnis der Coronarthrombose.

Zwei seiner Begutachtungsfälle sollen hier herausgehoben werden, der Fall Burgmann und der Fall Ohnesorg. Im zuerst genannten Fall ging es um einen „Giftmord“, angeklagt war eine Apothekerin. Im zweiten Fall ging es um den erschossenen Studenten der FU anlässlich des Schah-Besuches. Das war am 2. Juni 1967. Ich selbst war erst wenige Tage sein Mitarbeiter und so war ich auch bei der Obduktion zugegen. Diese wurde damals unter Polizeischutz im Leichenschauhaus durchgeführt im Beisein von Horst Mahler, dem damaligen Rechtsbeistand der Familie. In der Folgezeit kam es dann zur Bildung der „Bewegung 2. Juni“, auf die ich an anderer Stelle schon ausführlich eingegangen bin. Von Krauland habe ich sehr viel gelernt. Ich betrachte mich als sein Schüler, so wie sich jetzt Prof. Rothschild (Köln) als mein Schüler betrachtet. Habilitiert haben sich neben mir noch Mallach, Smerling, Klug und Bratzke. Prof. Mallach bekam den Lehrstuhl in Tübingen, Prof. Bratzke den in Frankfurt am Main. Krauland hat von seinen Mitarbeitern viel gefordert, er hat sie aber auch gefördert. Seine Gastfreundschaft und die seiner lieben Frau bleibt uns allen in Erinnerung. Einige von uns haben diese auch in seinem Haus am Attersee erleben dürfen. Meine letzte Erinnerung ist die von seiner Beisetzung in Salzburg. Als ich mit meiner Trauerrede am offenen Grabe begann, fing es fürchterlich an zu regnen. Wir waren bis auf die Haut durchnässt und zwei Tage später ging es auf eine Kongressreise nach China.

Hier die Lebensdaten in kurzer Zusammenfassung: Promotion und Staatsexamen 1936 in Wien, Habilitation 1942 in Innsbruck. Übernahme des FU-Lehrstuhls 1955. Emeritierung 1980. Übergabe des Lehrstuhls 1983 an den Vortragenden nach einem ordentlichen Berufungsverfahren. Kraulands Rufannahme erfolgte zwei Jahre nach dem Volksaufstand in der DDR – aus heutiger Sicht ein mutiger Schritt. Keiner wusste damals, wie es mit West-Berlin weiter gehen würde. Prof. Krauland war Rechtsmediziner in der geteilten Stadt, in einer wahrlich politisch unruhigen Zeit. Ein Höhepunkt in seiner Berliner Zeit war die Ausrichtung der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin 1969. Seine Gutachten waren stets unangreifbar. Er hat es sich aber auch nie leicht gemacht. Aber auch seinen Mitarbeitern hat er es nie leicht gemacht. Dies sage ich heute mit Dankbarkeit. Den jetzigen jüngeren Kollegen würde man gerne eine ähnlich „harte“ Schule wünschen. Der Wechsel Krauland/Schneider erfolgte dann zum Sommersemester 1983. Danach hatte Krauland natürlich weiter sein Emeritus-Zimmer. Das war für mich selbstverständlich. Bei dem späteren Wechsel Schneider/Tsokos am 1. Januar 2007 gab es dann viele der akademischen Selbstverständlichkeiten nicht mehr.

Selbst war Krauland meines Wissens politisch nicht tätig. In dem Buch „Gerichtsmedizin unterm Hakenkreuz“ von Friedrich Herber wird lediglich auf eine wahrscheinlich 1946 verfasste Rechtfertigungsschrift hingewiesen. Dort heißt es: „Im Sommersemester 1931 wurde ich bei einer deutschfreiheitlichen Burschenschaft aktiv. (…) Auf Betreiben meiner Bundesbrüder erwarb ich im Herbst 1932 die Anwartschaft zur NSDAP. Ich selbst hatte keinerlei politische Neigungen, vielmehr lag mir vor allem mein Studium am Herzen. (…) Als ich nach den Märztagen 1938 wiederholt zur SS geworben wurde, gab ich schließlich im Mai 38 deshalb nach, weil die SS mir als eine Art Garde dargestellt wurde, die besonders ideale Aufgaben habe. (…) Für die SS hatte ich in der Folge nur ab und zu eine „Ehetauglichkeits-Untersuchung“ vorgenommen“. Gestorben ist Prof. Krauland 1988 am Attersee, dort wo er sein Ferienhaus hatte, im Alter von 76 Jahren.

Nun zu Prof. Prokop, der zwei Jahre nach Krauland von Bonn nach Berlin berufen worden ist, allerdings nach Ost-Berlin an die Humboldt-Universität (Charité). Nicht wenige waren verwundert über diesen Wechsel von West nach Ost, vier Jahre nach dem Volksaufstand in der DDR. Viel ist darüber spekuliert worden. Von Prokop selbst habe ich dazu nichts erfahren, auch nicht bei seinen Besuchen bei mir in Dahlem, so wenn ich zu Gastvorträgen eingeladen hatte und wir auch unter vier Augen sprechen konnten. Prokop, von Geburt aus Österreicher, hat in Bonn 1948 promoviert. Seine Promotionsarbeit hat den Titel: „Über Mord mit Tierhaaren“. Habilitation 1953 ebenfalls in Bonn. Sein Chef war Prof. Elbel, vor allem bekannt durch sein Standardwerk über den Blutalkohol. Während seiner Berliner Zeit hat Prokop auch die Institute in Leipzig und Halle kommissarisch geleitet. 1987, d. h. zwei Jahre vor Fall der Mauer, ist er altersbedingt ausgeschieden. Sein Nachfolger wurde sein Oberarzt Prof. Geserick. Prokop war an der Charité eine Institution, seine Matinee-Vorlesungen waren geradezu berühmt. Und auch heute noch erinnern sich seine ehemaligen Studenten an seine lebhaften Vorlesungen, die wohl auch etwas Theatralisches gehabt haben, so wird einem jedenfalls berichtet. Der Fall „Hetzel“ hat ebenfalls dazu beigetragen, dass Prokop über die DDR hinaus bekannt geworden ist. Seine besonderen Leistungen liegen auf dem Gebiet der Forensischen Blutgruppenkunde. Den Unterlagen aus der Birthler-Behörde ist zu entnehmen, dass er sich selbst für „nobelpreiswürdig“ gesehen hat. Auf einer Fahrt nach Ungarn 1983 hat er sich seinem Sekretär, dem „IM Schöbel“, gegenüber folgendermaßen erklärt (Tonbandabschrift): „Prof. Prokop meinte, seine Arbeiten auf wissenschaftlichem Gebiet seien nobelpreisträchtig, da sie gegenüber anderen Nobelpreisträgern wesentlich wertvollere Erkenntnisse zeigten“. Seine Nachfolge bereitete ihm wohl große Sorgen. Ich zitiere weiter aus dem Bericht, der von Oberst L., Hauptabteilung XVIII, entgegengenommen worden ist: „Er (Prof. Prokop) meint, sein ganzes wissenschaftliches Werk, was er aufgebaut hat, bricht mit seiner Emeritierung zusammen, da es bis jetzt noch nicht gelungen ist, einen neuen Mann, der wissenschaftlich und auch organisatorisch alles in sich vereint, als Nachfolger aufzubauen“. Nachzutragen wäre noch, dass Prokop schon bald nach Rufannahme die Teilung der Fachgesellschatten in Ost und West beförderte, indem er schon 1957 eine „Arbeitstagung der Gerichtsmediziner der DDR“ einberief, so nachzulesen in dem Band „Rechtsmedizin in Deutschland Ost und West“, herausgegeben von Oehmichen, Klose und Wegener. Dort liest sich das folgendermaßen: „Auf der Ebene der Fachgesellschaften wurde die Teilung evident, als erstmals 1957 eine „Arbeitstagung der Gerichtsmediziner der DDR“ stattfand, überraschenderweise initiiert und geleitet von O. Prokop, der gerade aus Bonn, BRD, nach Berlin-Ost berufen worden war“. Prof. Prokop ist im Januar 2009 verstorben. Sein Urnengrab befindet sich auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte, direkt hinter der Mauer, die den Friedhof von seinem alten Institut abgrenzt. Die Mauer ist nach der Wende für sehr viel Geld, wie zu hören war, neu errichtet worden.

Vom Westberliner Institut hielt Prokop wissenschaftlich wohl nicht sehr viel, obwohl Prof. Krauland, auch aus Österreich stammend, auf dem Gebiet der forensischen Neurotraumatologie Wesentliches geleistet hat. Seine Bücher dazu sind, wie schon gesagt, auch heute noch Standardwerke. Man könnte alles so zusammenfassen: Zwei Österreicher, je auf einem der beiden Lehrstühle in einer Stadt, die durch eine Mauer getrennt ist – der eine mit der Begabung, sich auch nach außen gut darstellen zu können, der andere eher etwas ängstlich und die mediale Öffentlichkeit scheuend. In den Stasi-Berichten liest sich das wie folgt: „Prof. Prokop sagte, wenn man von Berlin spricht, dann meint man immer unser Haus und niemals die zwei Westberliner Häuser. Die bringen nichts wissenschaftlich Neues. So ist es aber mit den meisten Instituten in den kapitalistischen Ländern. Alle gerichtsmedizinischen Institute, die ich bisher kennen lernte, haben nicht den Arbeitsstil und Elan, den das Haus in der Hannoverschen Straße hat. Sie sind alles reine Institute zur Aufklärung von Verbrechen“. Zum „Theatralischen“ heißt es an anderer Stelle: „Auf der Leopoldina hat Prof. Prokop als Schlussredner versucht, mit verschiedenen Gags sowie einer Schau, die er ja versteht abzuziehen, die Leute noch einmal in seinen Bann zu bekommen und damit für die Medizin der DDR eine Bresche zu schlagen“. Und wiederum an anderer Stelle heißt es: „Prokop meinte abschließend wieder, und das ist ja das Thema Nr. 1, seine besten Freunde seien die Freunde vom MfS. Da sind doch Leute bei, die noch national denken, d. h. im Sinne der DDR arbeiten und die ihm auch Unterstützung gewähren“. In den Berichten geht es immer wieder auch um Geld, bzw. Devisen, bzw. um geschäftliche Beziehungen zu Firmen im nichtsozialistischen Ausland. In einem Bericht über eine akademische Feier 1983, zu der ich Prokop zu uns nach West-Berlin eingeladen hatte, wird von einer Veranstaltung an der so genannten „Freien Universität“ in Westberlin gesprochen. Ansonsten gibt es in den Berichten viel Banales zu lesen, auch weiß man natürlich nicht, ob alles auch so gesagt worden wie es später aufgeschriebenworden ist.

Mir liegt auch vor die Stasi-Akte aus der Birthler-Behörde von Prof. Radam, der bald nach der „Wende“ sich das Leben genommen hat. Er hatte sich 1972 bei Prof. Prokop habilitiert wie 24 weitere Mitarbeiter. In den Berichten wird auf einen langjährigen wissenschaftlichen Kontakt mit mir hingewiesen. Dass er Mitarbeiter des MfS war, wussten wir, zuletzt war er ordentlicher Professor an der Sektion Kriminalistik. In einem Bericht aus dem Jahre 1988 heißt es: „Da er (gemeint ist Prof. Schneider) wissenschaftlich interessiert und engagiert sei, auch vielfältige internationale Kontakte pflege, sei eine gute Basis gegeben“. Und in einem Bericht aus dem August 1989 heißt es: „Wichtigster Kontaktpartner ist Prof. Schneider. (…) Insgesamt schätzt Prof. R. ein, dass (es folgt eine Schwärzung – gemeint bin ich offensichtlich) kein Feind ist, aber auch nicht unbedingt politisch unser Freund“. Meine damalige Serologin wird in diesem Bericht als „unterkühlte Blondine“ beschrieben. – Was hat man nicht alles an Informationen gesammelt. Und dann die vielen Abkürzungen, so in seinem Personalbogen: Abt. XII, HA II/AKG, ZPDB, HA Ill/Sp., Abt. M/Sp.

Über die Stasi bzw. das MfS ist schon viel geschrieben worden, auch über die Sektion Kriminalistik an der Humboldt-Universität, die bald nach der Wende „abgewickelt“ worden ist. Mertens fragt in der Zeitschrift „Kriminalistik“ (2/94/S.120): „Ist es Zufall oder Symptom, dass fast die Hälfte der dort Tätigen nach der Wende als Angehörige des Ministeriums für Staatssicherheit enttarnt wurden?“. Nach diesem Beitrag soll die überwiegende Mehrheit der an der Sektion Kriminalistik der Humboldt-Universität verteidigten Promotionsschriften als geheim eingestuft gewesen sein. Und was viele Jahre nicht bekannt war: Der Polizist Kurras, der am 2. Juni 1967 den FU-Studenten Benno Ohnesorg beim Schah-Besuch in West-Berlin erschossen hat, war offensichtlich, wie kürzlich herauskam, ein Spitzel der Stasi. Die DDR war eben doch nicht das bessere Deutschland. Viele haben allerdings daran geglaubt, manch einer glaubt es noch heute. Interessant in diesem Zusammenhang eine Textstelle aus dem Lehrbuch „Vademecum Gerichtsmedizin“ (1985), herausgegeben von Reimann, Prokop und Geserick. Dort heißt es: „Die Kriminalität ist hauptsächlich eine gesellschaftlich determinierte Erscheinung. (…) In der DDR wurden die sozialökonomischen Wurzeln der Kriminalität im wesentlichen beseitigt“.

Drei Mitglieder sollten abschließend zumindest noch namentlich genannt werden, die als Gerichtsmediziner in ihrer Zeit tätig waren: Karl Skrzeczka (Mitglieds-Nr. 149), Georg Puppe (Mitglieds-Nr. 237) und Curt Strauch (Mitglieds-Nr. 253). Bezüglich ihrer Lebensdaten verweise ich auf unsere Festschrift – nur soviel: Prof. Strauch (1868−1931) war seit 1905 Gerichtsarzt in Berlin, Prof. Puppe (1867−1925) wurde, aus der Berliner Schule kommend, 1905 Direktor des Instituts in Königsberg i. Pr. und Karl Skrzeczka (1833−1902) war seit 1865 a.o. Professor für Staatsarzneikunde in Berlin. 1898 nahm er aus gesundheitlichen Gründen seinen Abschied. Über die beiden letzten Mitglieder unserer Gesellschaft, die Professoren Schneider und Geserick, die sich jetzt im Ruhestand befinden, mögen zu einem späteren Zeitpunkt andere berichten.

Ich komme zum Schluss. Mit Stolz blickt die Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Berlin auf ihre 200jährige Geschichte zurück. Mich erfüllt es mit Stolz, dass unter ihren Mitglieder bis heute sieben Vertreter der Staatsarzneikunde bzw. der gerichtlichen Medizin bzw. der Rechtsmedizin zu finden sind, nämlich – geordnet nach den Mitglieds-Nummern – die Herren: Karl Wilhelm Ulrich Wagner, Johann Ludwig Casper, Karl Skrzeczka, Georg Puppe, Curt Strauch, Walter Krauland, ich selbst und Gunter Geserick. Wie es mit der Rechtsmedizin hier in Berlin weiter gehen wir, ist eine offene Frage. Man kann nur hoffen, dass die politischen Umbrüche in der Zukunft nicht so tief in das gesellschaftliche Leben eingreifen, wie dies in der Vergangenheit immer wieder der Fall war. Die Menschen sollten eigentlich aus der Vergangenheit gelernt haben – haben sie das?

Bei meinem Ausscheiden aus dem Amt bin ich immer wieder gefragt worden: Was waren denn so die Höhepunkte Ihres beruflichen Lebens? Nun, ein Höhepunkt war sicher der Empfang beim japanischen Kaiserpaar vor 11 Jahren. Nicht zu vergleichen mit einem Empfang beim Bundespräsidenten, auch nicht bei dem jetzt amtierenden Präsidenten, wie ich vermute.

Ich bin damit am Ende meines Vortrages, möchte Sie aber noch mit einem Bild erfreuen. Es stammt von Heinrich Zille (1858−1929), dem Ur-Berliner, wenn auch in Radeburg bei Dresden geboren. Der Text lautet: … „und dann haben Sie den Zeugen mit einem Instrument geschlagen!“ – „I wo Herr Richter, ich habe noch nie een Klavier besessen“.