11.02.2010: Eröffnungsveranstaltung


Eröffnungsveranstaltung

11.2.2010, Kaiserin-Friedrich-Haus, Robert-Koch-Platz 7, 10115 Berlin

Trotz des äußerst ungemütlichen Winterwetters hatten sich gegen 20.00 um die 30 Personen in der Galerie des Hauses versammelt, um an der Eröffnungsveranstaltung der Gesellschaft für das Jahr 2010 teilzunehmen. Die öffentliche Einführungsveranstaltung war ursprünglich geplant für Nichtmitglieder der Gesellschaft und sollte zum Ziel haben die Darstellung der Geschichte der GNH aber auch gleichzeitig die zukünftige Entwicklung der Naturwissenschaften (Naturkunde) und der Medizin (Heilkunde).

Der Präsident begrüßte die Anwesenden und hielt einen einstündigen, bebilderten Vortrag in Anlehnung an den Festvortrag vom 7. Februar. 

 

Eingangs schilderte Reichart im Rahmen einer kurzen Zeitreise an die Jahrhundertwende vom 18. zum 19. Jahrhundert die herausragenden Ereignisse der Zeit. Die Welt war noch weitgehend unentdeckt, Darwin wurde 1809 geboren, Alexander von Humboldt unternahm die große Südamerikareise (1799-1804). Preussen war in die napoleonischen Kriege verwickelt. Napeoleon I zog am 27. Oktober in Berlin ein. Am 15. Oktober 1810 erfolgt die Gründung der Friedrich-Wilhelm Universität. Hufeland (18) hält an diesem Tage seine erste Vorlesung. Am 3. Januar 1810 treffen sich die Gründungsmitglieder der GNH und unterzeichnen die Gründungsurkunde. Das Wirken der Gesellschaft wird anhand der  Lebensgeschichten einiger bedeutender Mitglieder geschildert. Die Vorträge sind ab 1884 dokumentiert und zeigen, welche medizinischen und naturwissenschaftlichen Themen über zwei Jahrhunderte von Bedeutung waren. Infektionserkrankungen (Typhus, Lues, Pocken) und Kriegsverletzungen waren Schwerpunkte der Vorträge im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Der Status der Heilkunde im 19. Jahrhundert wurde von E. Harndt (450) detailliert geschildert in seinem Vortrag zum 164. Stiftungsfest. Okkultistische und mystische Vorstellungen zum Krankheitsgeschehen dominierten. Lebensmagnetismus, Mesmerismus, Galvanismus und Metaphysik waren oft Grundlage des heilkundigen Handelns. Die systematische Forschung begann mit der Berufung von Johannes Müller (85). Dieser vertrat die Anatomie, Physiologie, Entwicklungsgeschichte, pathologische Anatomie und Histologie. Nachfolger Müllers waren ebenfalls bedeutende Mitglieder der GNH (Reichert (122), du Bois-Reymond (117)). Auch einige der großen Chirurgen Berlins waren Mitglieder der GNH (Dieffenbach (55), von Langenbeck (109), von Bergmann (178), Bier (285)). Die Berliner Anatomischen Institute Berlins wurden über nahezu zwei Jahrhunderte von Mitgliedern der GNH geleitet, gleiches gilt für den Zoologischen Garten Berlins.

Nach Darstellung der Historie der GNH ging Reichart auf die möglichen zukünftigen Entwicklungen der Medizin und der Naturkunde ein. Forschungsthemen der Zukunft werden sein die Klimaentwicklung und Umwelt, die Demografie, die Energieversorgung und die Medizin. In diesem Zusammenhang ging Reichart auf die Ambivalenz des Fortschritts ein.

 

Medizinfortschritt hat viel Problemlösungen aber auch Problemschaffungen mit sich gebracht (Überbevölkerung, Überalterung, Kostenexplosion). Fortschritts- und Wissenschaftskritik war und ist die Folge. Zukünftige Medizinforschung wird die regenerativen Therapien, Genomforschung  und Genomtherapie, neue Tumortherapien wie die Nanotherapie und neue bildgebende Verfahren etc. beinhalten.

 

Veränderungen des Gesundheitswesens in eine Gesundheitsindustrie sind heute unübersehbar. Der kranke Mensch wird zunehmend als Ressource und Gesundheit als Ware angesehen. Es muss befürchtet werden, dass die historischen Ideale des Arztes verloren gehen.

 

Der gegenwärtige Status der 300-jährigen Charité unterliegt ständigen Umstrukturierungen. Eine Neuordnung wird wohl unumgänglich sein – in welcher Form: das ist ständiges Thema der Politik mit den unterschiedlichsten  Vorstellungen.

 

Die Krise im Bildungsbereich sowohl der Schulen als auch der Universitäten war nie größer als heute. Die finanzielle Ausstattung der Massenuniversitäten ist vollkommen ungenügend. Es dominieren zunehmender Wettbewerb und Verwertungszwänge. Die Einführung des Bachelors hat große Probleme mit sich gebracht, die durch erneute Reformen gelöst werden sollen. Grundsätzlich kommt „Lebensbildung“ zu kurz.

 

Auf die Zukunft der Menschen (der Welt) eingehend, zitierte Reichart aus „Spektrum der Wissenschaft“: Menschheit am Scheideweg – Menschheit zwischen Balance und Zerstörung.

 

Schon 1983 schrieb K. Lorenz ein Buch mit dem Titel: „Abbau des Menschlichen“. Er wies bereits vor fast 30 Jahren auf all die Probleme hin, die uns heute mehr als jemals beschäftigen.

 

Die Frage bleibt wie Fortschritt zukünftig definiert werden soll. Die Grenzen des Wachstums sind längst erreicht. Ökonomie versus Ökologie: Nachhaltigkeit wird gefordert – aber man lebt nicht entsprechend.

 

Im Anschluss an den Vortrag ergab sich eine Diskussion zum Thema Mensch und Natur. Der Mensch ist zwar Teil der Natur, hat sich aber von dieser zunehmend distanziert: macht Euch die Natur Untertan.

 

Zum Ausklang gab Reichart noch einmal  Erklärungen zu seinen Bildern in der Ausstellung ab, die bis zum 31. März in Galerie zu besichtigen sind.

 

P. Reichart  (15. 2. 2010)