07.02.2010 Festvortrag


Festvortrag anlässlich des 200. Stiftungsfestes der GNH

Peter Reichart, Präsident der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde in Berlin (gegr. 1810)

Stiftunsgfest am 7. Februar 2010 im Seminaris CampusHotel, Berlin-Dahlem

Hochverehrte Gäste, meine sehr geehrten Damen, meine Herren, verehrte Freunde!

Lassen Sie uns zunächst eine kurze, einstimmende Zeitreise an das Ende des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts unternehmen. Noch waren zu dieser Zeit viele Regionen der Welt weiße Flecken auf den Landkarten des Globus. So hatte Georg Forster die Schilderung der Seereise von James Cook von 1772 bis 1775, in seinem Buch „Reise um die Welt“, gerade erst 1784 heraus gegeben. 1809 wurde Charles Darwin geboren, ein Jahr vor Gründung unserer Gesellschaft. 1837 skizzierte Darwin erstmals seine Idee vom Stammbaum des Lebens – der Ursprung der Evolutionstheorie war damit gelegt worden. Alexander von Humboldt  unternahm von 1799-1804 die große Südamerikaexpedition aus der auch eine Zusammenarbeit mit unserem Mitglied Willendow (6) in Form der Bearbeitung einiger auf der Reise gesammelter Pflanzen erfolgte.

 

Wie nun sah es in Preussen, in Berlin, kurz nach der Jahrhundertwende aus? 1806 schlägt Napoléon I. in der Schlacht von Jena und Auerstedt das preussische Heer vernichtend und zieht  am 27. Oktober in Berlin ein. Ein knappes Jahr später, am 14. Juni 1807 besiegt Napoléon die preussisch-russische Armee bei Friedland. Goethe, ein Zeitgenosse,  betrachtet die politische Entwicklung mit Sorge; er veröffentlicht den Faust I. Teil im Jahre 1806. Wilhelm von Humboldt stellt am 14. Mai 1809 den Antrag auf Errichtung der Universität Berlin. Ein Jahr später, am 15. Oktober 1810 erfolgt die Gründung der Humboldt-Universität zu Berlin als Friedrich-Wilhelm Universität.

Eines der ersten Mitglieder der Gesellschaft, Christoph Wilhelm Hufeland (18), hält am 15. Oktober 1810 die erste Vorlesung und so beginnt für 256 Studierende und 52 Lehrende das erste Semester.

Trotz – oder gerade wegen der vorausgegangenen Kriegswirren erfolgt in der preussischen Gesellschaft ein Rückzug ins Private – es war die Zeit des Klassizismus und der Romantik, der Zirkel, der Hauskonzerte, Dichterlesungen und Diskutierabende. Just zu dieser Zeit, auch in enger Beziehung zur Gründung der Universität, trafen sich anlässlich des fünfzigjährigen Dienstjubiläums des Geheimrates Walter sen., Stifter des Anatomischen Museums in Berlin, am 3. Januar 1810 die damals wohl angesehensten Ärzte und Naturforscher Berlins, um eine medizinisch-chirurgische Gesellschaft zu gründen. Es kamen 16 Herren zusammen, von denen Klaproth (1), Entdecker des Urans, Heim (3), Armenarzt und Leibarzt der königlichen Familie, Willdenow (6), Direktor des königlichen Botanischen Gartens und Goercke  (12), Gründer der Militärärztlichen Akademie „Pepinière“ wohl die bekanntesten Persönlichkeiten waren.  Sie alle unterzeichneten – teils mit ungelenker Handschrift – die Gründungsurkunde, die uns bis heute erhalten geblieben ist. Am 6. Februar 1810 konstituierte sich die Gesellschaft unter dem Namen „Gesellschaft für Natur- und Heilkunde“. Diese war nach moderner Diktion nie ein „eingetragener Verein“, hatte aber Statuten, die auch heute noch in fast unverändertem Text vorliegen. Den Zweck der Gesellschaft erläutert das erste „Gesetz“, welches lautet: „Die Gesellschaft hat den Zweck einer wissenschaftlichen, belehrenden und erholenden Unterhaltung und gegenseitigen Belebung, ohne weiteren Anspruch“.

Bereits beim 2. Stiftungsfest im Jahre 1812 sprach Rudolphi (21) die den Zweck der Gesellschaft so kennzeichnenden Worte, die bei jedem Stiftungsfest erneut zitiert werden, so auch heute:

„Die Gesellschaft für Natur- und Heilkunde feiert heute ihr zweites Stiftungsfest. In Liebe und Einigkeit sind ihre Mitglieder zusammengekommen, mit einem freundlichen Händedruck jedes Mal auseinander gegangen. Ihr Zweck war nicht bloß, durch wechselseitige Belehrung den Kreis ihres Wissens zu erweitern. Was kann dem praktischen Arzte, was kann dem Lehrer willkommener sein, als nach einem treu durchgearbeiteten Tage am Abend mit gebildeten Männern desselben Faches zusammen zu treten. Hier empfängt er Belohnung für seine Mühe und Aufmunterung zur Arbeit des nächsten Tages.

Der Mensch darf in dem Gelehrten nie untergehen. Er muß rein menschlich mit seinen Mitbrüdern  zusammenkommen, um sich näher an sie anzuschließen. Wer das Buch eines Mannes gelesen, wer eine Vorlesung von ihm gehört, eine Operation oder eine Kur von ihm in Erfahrung gebracht hat, der weiß sehr wenig von ihm. Wer nach einem arbeitsvollen Tage denselben Mann am Abend sein Herz der Freude öffnen sieht, ihn unter Freunden im traulichen Kreise ohne Amtsmiene wiedersieht, der nur mag ihn menschlich beurteilen. Dessen haben wir alle not. Jenen doppelten Zweck haben wir vor Augen gehabt. Wir haben unser Wissen bereichert, wir haben uns vor Einseitigkeit, Pedanterie und Kälte zu bewahren gesucht. Jeder ist dem anderen mit Liebe entgegen getreten. Unsere gelehrten Ansichten und Meinungen müssen häufig verschieden sein, oder wir wären es nicht wert, einen solchen Verein zu bilden; aber diese Verschiedenheit muss, statt zu trennen, näher anziehend wirken.

Wir gehen neuen Arbeiten entgegen. Mögen sie für die Wissenschaft ersprießlich sein! Mögen die Mitglieder  der Gesellschaft noch viel Jahre in Freude und Friede zusammenbleiben!“

Die Geschichte und das Wirken der Gesellschaft sind nirgendwo besser dargestellt als in der Chronik, die uns heute in aktualisierter und erweiterter Form vorliegt. Unserem Vize-Sekretär  Jörn Müller und Sekretär Peter Götz sei an dieser Stelle herzlich gedankt für ihre Mühe, Sorgfalt und Persistenz, die sie für die Erstellung der Neufassung  in monatelanger Arbeit aufgebracht haben.

Die Chronik bietet für den, der nach dem Wirken der Gesellschaft fragt eine unerschöpfliche Quelle. Hier findet man alle Lebensgeschichten der Mitglieder aber vor allem auch die Vorträge, die uns leider erst ab 1884 bekannt sind. Den ersten dokumentierten Vortrag vom 8. Januar 1884 hielt Solger (153) mit dem Titel: „Leistungen der Photographie zur Darstellung des Wärme- Licht und- chemischen Spektrums“. Naturkundliche Themen des 19. und  20. Jahrhunderts waren oft Reisen, ethnographischen Studien oder gar Naturschutzaspekten gewidmet. So sprach Bokelmann I (190) bereits 1917 – man staune –  schon „Über Naturparkanlagen“. Die Aktualität und unübersehbare Dringlichkeit des Naturschutzes heute – knapp hundert Jahre später – konnte Ulrich Zeller (553) mit seinem im Oktober 2009 gehalten Vortrag „Wissenschaftlicher Naturschutz in Afrika – das Etosha-Pufferzonen-Projekt (Namibia)“ in aller Eindringlichkeit demonstrieren.

Da die meisten Mitglieder Mediziner waren, spiegelt sich die Entwicklung der Medizin in den Themen der Vorträge bestens wieder. Infektionserkrankungen und Seuchen spielten seit Gründung der Gesellschaft nahezu anderthalb Jahrhunderte  eine große Rolle. Themen wie „Über die Pocken“ (1903), „Über die Verbreitung des Typhus in Preussen“ (1904), „Über Seuchenbekämpfung im Lichte der Darwin’schen Lehre“ (1909) oder über „Lebensprognose bei Lues“ (1922) waren charakteristisch für diese Zeit. Die mit den Kriegen verbundenen Probleme der Medizin schilderten Vorträge wie über „Wandlungen chirurgischer Erkrankungen durch den Krieg“ (1919) oder “Zur Begutachtung Kriegsbeschädigter nach den jetzt gültigen Versorgungsgesetzen“ (1922).

Wissen und medizinische Kenntnisse waren zu Beginn des 19. Jahrhunderts allerdings begrenzt. Quacksalbereien dominierten und Therapien basierten noch lange nicht auf der „Naturwissenschaft des Menschen“, wie sie Rudolf Virchow später proklamierte. In seinem Vortrag zum 164. Stiftungsfest mit dem Thema „Das Wirken der Gesellschaft für Natur- und Heilkunde im 19. Jahrhundert“ hat unser Mitglied Ewald Harndt (450) die Medizin der damaligen Zeit umfassend charakterisiert. Harndt bestätigte, dass viele der Krankheitslehren der damaligen Zeit dogmatischen Prinzipien und Theorien mit okkultistischem und mystischem Hintergrund folgten. Selbst  unser Mitglied  Hufeland (18) hatte zeitweilig eine Neigung zur Metaphysik und zum obskuren Mesmerismus – eine Form tierischen Magnetismus. Denkt man an die vielen Bartträger der damaligen Zeit, ist ein Zitat aus den „Jahrbüchern über Lebensmagnetismus“ unseres Mitgliedes Breyer (79) besonders kurios: nämlich dass „der Bart eine magnetische Wechselwirkung mit den unwägbaren, lebendigen Kräften des Alls vermittle, die durch das Abschneiden der Barthaare als Leiter höchst nachteilig gestört werde“.

Mit der Berufung von Johannes Müller (85) 1833 auf den Lehrstuhl von Rudolphi (21) begann in Deutschland die systematische Forschung in der Medizin. Müller vertrat gleichzeitig die Anatomie, die pathologische Anatomie und Histologie, die Entwicklungsgeschichte und Physiologie. Müllers (85) Nachfolge auf den Lehrstuhl für Anatomie übernahm Karl Bogislav Reichert (122), die Nachfolge auf den Lehrstuhl für Physiologie ging an Emile du Bois-Reymond (117), beide Mitglieder der Gesellschaft.  Im Fach der so wichtigen Chirurgie sind unter anderen die Namen unserer Mitglieder Johann Friedrich Dieffenbach (55), Bernhard von Langenbeck (109), Robert Ferdinand Wilms (116), Ernst von Bergmann (178) und später August Bier (285) zu nennen. Bier war nicht nur als Chirurg bekannt sondern auch durch seine Zitate und Sprüche wie: “Jede Sache lässt sich von zwei Seiten betrachten, von einer wissenschaftlichen und einer vernünftigen“ oder „Die Chirurgie ist das Eingeständnis für das Versagen der Medizin“.

Ewald Harndt (450) kommt in seiner Betrachtung der Medizin des 19. Jahrhunderts zu folgendem Schluss: „Die Geschichte der Berliner Medizinischen Fakultät und mit ihr zugleich die Geschichte unserer Gesellschaft werden schlechthin allgemeine Medizingeschichte. Ihre Mitglieder waren in Deutschland am Wandel des Geisteslebens zum naturwissenschaftlichen Zeitalter ganz erheblich beteiligt“.

Die Berliner Medizingeschichte und die unserer Gesellschaft blieben auch im 20. Jahrhundert eng verbunden.  Besonders deutlich wird dies, wenn man zum Beispiel die Mitglieder der Gesellschaft betrachtet, die in leitenden Positionen an Anatomischen Institutionen Berlins tätig waren. Beginnend mit Knape (17) und Rudolphi (21) waren Schlemm (45), D’Alton (64), Müller (85), Peters (108), Reichert (122), Waldeyer (179), Hans Virchow (188), Hertwig (201), Kopsch (279), Stieve, H. (377), von Eggeling (388) Merker (422), Wüstenfeld (518) und Staudt (591) als Prosektoren oder Direktoren dieser Institute tätig – eine Kontinuität von Beginn bis heute. Hervorragende Vertreter nahezu aller medizinischen Disziplinen folgten bis auf den heutigen Tag. 

Gleichermaßen bedeutend, wenn auch zahlenmäßig geringer, sind die Naturforscher unserer Gesellschaft zu nennen. Der Botaniker Willendow (6), Begründer der mikroskopischen Botanik und Zoologie, der Mikropaläontologe Ehrenberg (58) sowie die Afrikaforscher Nachtigal (154) und Peters (108) sind hier zu erwähnen. Zu nennen sind ebenso die Direktoren des Berliner Zoos beginnend mit Lichtenstein (25) als erstem Direktor vom Jahre 1844, und in neuerer Zeit Heinz-Georg Klös (503), Hans Frädrich (541) und Jürgen Lange (627).

 

Meine Damen und Herren, ist schon eine Zeitreise in die Vergangenheit schwierig, so ist eine Zukunftsprognose ungleich schwieriger. Dabei sind Fragen wie sich zukünftig die Naturwissenschaften und die Heilkunde entwickeln werden von maßgeblicher Bedeutung, nicht für unsere Gesellschaft sondern für das Projekt „Mensch“ überhaupt. Auch ist zu fragen was die Zukunft der Berliner Universitätsmedizin und der Universitäten der Stadt sein wird. Versuchen wir einige Antworten auf diese Fragen zu geben.

Naturkunde hat sich im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte von der reinen Naturbeschreibung zur Naturerkenntnis bis zur Naturwissenschaft entwickelt. Das Eindringen in immer kleinere „Lebenseinheiten“ vom Körper, in die Zelle, in die Ultrastruktur und das Genom sind dafür charakteristisch.  Auf der anderen Seite aber sind noch längst sind nicht alle Tier- und Pflanzenarten der Welt beschrieben und schon sagen Prognosen für die nächsten Jahrzehnte voraus, dass als Folge des anthropogenen Klimawandels ein Drittel aller Arten aussterben wird. Ob das jetzt ausgerufene Jahr der Biodiversität daran etwas Grundlegendes ändern wird ist fraglich.  

Schon Alfred Wallace, der den  Malaysischen Archipel von 1854-1862 bereiste, nahm Stellung zu den Auswirkungen der „Zivilisation“ auf die Natur, Fauna und Flora. Er schildert in seinem Buch „Der Malaysische Archipel“ die Begegnung mit Paradiesvögeln auf den kleinen Inseln dieses Archipels: “Auf der einen Seite erscheint es traurig, dass so außergewöhnliche Geschöpfe ihr Leben ausleben und ihre Reize entfalten nur in diesen wilden, ungastlichen Gegenden, welche für Jahrhunderte zu hoffnungsloser Barbarei verurteilt sind; während es auf der anderen Seite, wenn zivilisierte Menschen jemals diese fernen Länder erreichen und moralisches, intellektuelles und physisches Licht in die Schlupfwinkel dieser Urwälder tragen, sicher ist, dass sie die in schönem Gleichgewichte stehende Beziehungen der organischen Schöpfung zu unorganischen stören werden, so dass diese Lebensformen, deren wunderbaren Bau und deren Schönheit der Mensch allein imstande ist zu schätzen und sich ihrer zu erfreuen verschwinden und schließlich aussterben. Diese Betrachtung muss uns doch lehren, dass alle lebenden Wesen nicht für den Menschen geschaffen wurden. Viele derselben haben keine Beziehung zu ihm. Der Zyklus ihrer Existenz ist unabhängig von der seinigen vorwärts geschritten und wird gestört oder vernichtet durch einen jeden Fortschritt in der intellektuellen Entwicklung des Menschen…“

So deutet Wallace, der Naturforscher, schon gut 50 Jahre nach der Gründung unserer Gesellschaft ein Problem an, das zu Beginn des 21. Jahrhunderts, 150 Jahre später, bedrohliche Dimensionen angenommen hat.

 

Trotzdem, die frühen Forscher des 19. und 20. Jahrhunderts haben den Grundstein für unsere heutige Forschung gelegt. Denkt man an Darwin zurück, dessen Buch: „Über die Entstehung der Arten“ vor 150 Jahren erschien, so hat dieser Grundlagen der Forschung für die biologischen Disziplinen geschaffen: so die Biogeografie als Untersuchung der Verbreitung von Pflanzen- und Tierarten; die Ökologie mit der Erforschung der Wechselbeziehungen zwischen Organismen und ihrer Umwelt; die Paläontologie, die mit Fossilfunden Hinweise auf die Existenz evolutionärer Übergänge zwischen Arten und Gruppen von Lebewesen gibt; die evolutionäre Anthropologie, die Untersuchung von Beziehungen zwischen Gehirnstrukturen und geistigem Vermögen, sowie vergleichende Verhaltensforschung und die Untersuchung geistiger Leistungen von Mensch und Tier.

Was ist darüber hinaus in Zukunft im Bereich der Forschung in Naturkunde und Heilkunde und der Technik zu erwarten?

Eine Umfrage des Instituts Allensbach vom Jahre 2008 mit dem Thema: Welche Forschungsthemen sind für die Zukunft von Wichtigkeit? ergab, dass Krebs, Alter, Umwelt und Energie von 100 Prozent der Befragten als am wichtigsten angesehen wurden. Andere, ebenfalls wichtige Themen waren: Klimaforschung, Globalisierung, Rohstoffe, Information, Mobilität und Medizin.

Womit wir beim Thema Zukunft der Medizin sind. Die Fortschritte in der Medizin sind einerseits überwältigend, haben aber gleichzeitig große Probleme mit sich gebracht. Hierzu zählen die Überbevölkerung, Überalterung und die Kostenexplosion des Gesundheitswesens. Wie der technische Fortschritt so führt auch der Medizinfortschritt gleichzeitig zu Problemlösungen und Problemschaffungen begleitet von Fortschrittsgläubigkeit einerseits und von Fortschrittszweifel andererseits. Dies äußert sich auch in teils scharfer Wissenschaftskritik, so wie von Erwin Chargaff, einem der Väter der DNA Forschung, der die Spaltung des Atomkerns und des Zellkerns als Grenzen dessen an sah, was der Mensch erforschen sollte – diese Grenzen sind längst überschritten. Chargaff  befürchtete gar die Abschaffung des Alterns und des Todes mittels Gentechnologie. Auch unser Mitglied Karl Sperling (547) wies in seinem Vortrag  im Jahre 2004 mit dem Titel: „Das Humangenomprojekt: Schlüssel zur Erkenntnis oder Büchse der Pandora“ auf das Dilemma dieser Forschungsrichtung hin.

Trotzdem: die  Themen der zukünftigen Medizinforschung werden sein die regenerativen Therapien, die Genomforschung und Therapie, Biochips, die medizinische  DNA Analyse, neue chirurgische und Bild gebende Verfahren und Techniken sowie neue Tumortherapien wie z. B.  die Nano-Therapie. Fortschritte auch in der Medizin lassen sich trotz aller Warnungen und Kritik nicht aufhalten.

So lassen sich wohl auch Veränderungen des Gesundheitswesens nicht aufhalten, das sich heute in eine Gesundheitswirtschaft, eine Gesundheitsindustrie entwickelt hat. Man spricht vom Gesundheitsmarkt, von Ärzten als Anbietern und von Patienten als Kunden. Auf diesem Markt bestimmen Krankenhausinvestoren und Krankenkassen zunehmend, wann und welches ärztliche Wissen beim Kranken anzuwenden ist. Zwar besitzt das heutige Gesundheitswesen ein beeindruckendes Potential, Krankheiten zu heilen, aber der kranke Mensch wird zunehmend als Ressource und Gesundheit als Ware betrachtet. Die historischen Ideale des Arztes – so wie durch eine Vielzahl unserer Mitglieder im 19. und 20. Jahrhundert vertreten – scheinen langsam verloren zu gehen. Von einigen wird heute bereits vom Ende der klassischen Medizin gesprochen.

Im Zusammenhang mit der Medizin ist auch die Frage nach dem Status der Berliner Universitätsmedizin zu stellen: Charité – quo vadis? Auch dazu ein kurzer Blick auf den Zustand dieser bis heute weltberühmten Institution. Allein schon das 300-jährige Bestehen der Charité in diesem Jahr bestätigt ihre unumstrittene Bedeutung. Der wechselvollen Geschichte  letztlich aber der Kontinuität sind im Jubiläumsjahr eine Vielzahl von Festveranstaltungen gewidmet. All diese können allerdings nicht darüber hinweg täuschen, dass auch die Charité, heute größte medizinische Fakultät Europas, verschiedenen „Herausforderungen“ gegenüber steht. Seit der Wende 1989 unterliegt die universitäre Medizin Berlins permanenten Fusionen, Umstrukturierungen, Schließungen von Abteilungen und Kliniken und Reformen. Kennzeichen der letzten 20 Jahre ist ständige Unruhe und damit verbunden Unzufriedenheit und Frustration, die ganz im Gegensatz zu der von den wechselnden Vorständen gewünschte „corporate identity“ stehen. Dazu verschärft das radikale Spardiktat des Senates die Situation und erschwert die Neuordnung  der Charité zunehmend. An dem Fortbestand der Charité aber besteht wohl kein Zweifel, ob in der jetzigen Größe und Struktur, das wird die Zukunft weisen.

 

Abschließend die Frage: wie steht es um unsere Universitäten?  Die Krise im Bildungsbereich an den Universitäten war nie größer als heute. Sie wird verschärft durch finanzielle Sanierungsprogramme für Wirtschaft und Banken. Was bleibt für Bildung und Ausbildung übrig, wenn die Finanzierung von Klima- und Naturschutzprogrammen und Gesundheits- und Sozialwesen kaum mehr gesichert sind? Darüber hinaus hat sich die Lage an den Universitäten durch ständig steigende Zahlen von Studierenden und durch zunehmende Wettbewerbsorientierung und Verwertungszwänge verschärft.

Umstrukturierungen der Hochschullandschaft und sogenannte Reformen erfolgen Schlag auf Schlag. Begriffe wie Universitäts-Ranking, Exzellenzcluster, Evaluation, Controlling, Akkreditierung und Quality Management sowie die konsequente Ökonomisierung der Universitäten  stehen beispielhaft dafür. Die Einführung des Bachelors hat große Probleme mit sich gebracht, die kürzlich in wochenlange Studentenproteste mündeten. Bildung, wie alle Lebensbereiche, unterliegt einer permanenten Beschleunigung: Verkürzung von Schul- und Studienzeit mit einer daraus folgenden  Kompression der Lehrinhalte.  Junge Menschen sollen so schnell wie möglich „an den Markt“ herangeführt werden – für eigentliche „Lebensbildung“ bleibt keine Zeit.

Seit Wilhelm von Humboldt und seinen Vorstellungen und Entwürfen von Universität sind 200 Jahre vergangen – würde er heute einen Blick auf unsere Universitäten werfen können, so würde er so gut wie nichts mehr davon wieder erkennen.

 

Meine Damen und Herren, die Kunst, in die Zukunft zu blicken, ist schon immer schwierig gewesen. Zukunftsprognosen gleichen Orakeln und sind wenig verlässlich, man sollte vorsichtig mit ihnen sein. Trotzdem würden wir zu gerne wissen, wie es weiter gehen wird. Die Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“ widmete dem Thema der Zukunft ein Heft mit dem Titel: „Menschheit am Scheideweg“ – „Wie  sieht die Welt im Jahr 2050 aus?“ Die Überschriften der Artikel sprechen für sich: „Leben mit neun Milliarden Menschen“, „Die Globalisierung der Krankheit“, „Gute Luft als Ware“ „Wir haben dreißig Jahre geschlafen“, „Macht Euch die Natur Untertan“ und „Menschheit zwischen Balance und Zerstörung“.

Die Welt hat sich in den letzten 200 Jahren radikal verändert, das betrifft die Natur, das Klima sowie alle Lebensgrundlagen. Die Klimakonferenz in Kopenhagen vom Dezember letzten Jahres ist weitgehend gescheitert – ob je ein Konsens zwischen Ökologie und Ökonomie gefunden wird ist fraglich. Nachhaltigkeit wird gefordert, aber lebt man entsprechend?

Das Zusammenleben von Menschen gestaltet sich immer schwieriger, Kampf um sauberes Wasser und saubere Luft, Kampf um Ressourcen jeglicher Art. Der zunehmende Verlust des „Menschlichen“ wird beklagt, der Zerfall traditioneller Gesellschafts- und Familienstrukturen. Schon 1983 schreibt Konrad Lorenz ein Buch mit dem Titel: „Der Abbau des Menschlichen“ und weist auf all die Probleme hin, die uns heute weltweit beschäftigen. Wie also soll es mit den Menschen weiter gehen?

Meine Damen und Herren, unsere Gesellschaft für Natur- und Heilkunde feiert heute ihren 200. Geburtstag und wir fragen uns: Wie soll es mit unserer Gesellschaft weiter gehen? Eine Antwort dazu findet sich in der so oft zitierten Ansprache von Rudolphi von 1812. Die zentralen Worte dieser Rede sind: Liebe, Einigkeit und Frieden. Rudolphi spricht vom freundlichen Händedruck, vom Menschen in dem Gelehrten und von Freunden die sich menschlich beurteilen. Und, in der Sprache des beginnenden 19. Jahrhunderts setzt er dazu den Satz: „Dessen haben wir alle not“. Mehr denn je haben wir heute „dessen not“: des Menschlichen, der Freundschaft, der Einigkeit und des Friedens. Die Gesellschaft für Natur- und Heilkunde ist ein klarer Beweis dafür, dass Wissenschaft unter Freunden ein Fundament gewesen ist, welches 200 Jahre gehalten hat. Warum sollte es nicht weitere 100 oder gar 200 Jahre halten können!? „Zukunft auf dem Boden von Geschichte und Tradition“ verbunden mit Freundschaft sollte ein Motto sein, das auch für die nächsten 200 Jahre gelten kann. Seien wir also optimistisch!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Berlin, 7. Februar, 2010